
Es ist vollbracht! Nach einer 15-stündigen Marathonsitzung, nach neun Kandidatinnen und Kandidaten, nach parteipolitischem Schachern hinter verschlossenen Türen und einem Hearing, das dem Stiftungsrat weit mehr Sendezeit gönnte als manches ORF-Programm, hat der Küniglberg nun seinen neuen General: Clemens Pig! Der Ex-APA-Chef und Wunschkandidat von ÖVP und SPÖ erhielt im politisch besetzten ORF-Stiftungsrat 21 von 35 Stimmen und wird den ORF ab Jänner 2027 leiten. Österreich, so heißt es nun, bekomme einen passenden Manager für einen modernen, unabhängigen und vertrauenswürdigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Die Zeichen im ORF stünden wieder einmal auf Aufbruch. Der ORF werde sich neu erfinden. Kurzum: Alles wird wieder gut am Küniglberg.
Was für eine Lebenslüge. Was für ein Ritual der kollektiven Selbsttäuschung der Bürger und Gebührenzahler, das sich der ORF alle fünf Jahre leistet, wenn der Stiftungsrat zusammentritt und die Macht neu verteilt und dann so tut, als würde ein neuer Mann — oder eine neue Frau — an der Spitze den Grundcharakter eines Hauses verändern, das von innen heraus wohl per se nicht reformierbar ist. Das liegt weder am Stiftungsrat, noch am jeweiligen Generaldirektor, an politischem Einfluss oder diversen parteipolitischen Fingerabdrücken. Primärer Grund warum am Küniglberg alles beim Alten bleibt – Stichwort Rotfunk – ist die Belegschaft. Das liegt an einer jahrzehntealten ideologischen (linken) Monokultur, die weit tiefer sitzt als jeder Generaldirektionsposten in seinem Einfluss je Einfluss nehmen kann.

Die Zahlen lügen nicht
Im Frühjahr 2025 veröffentlichte die internationale Vergleichsstudie „Worlds of Journalism“ ihre Erhebung unter 856 österreichischen Journalistinnen und Journalisten. Das Ergebnis: Der Durchschnittswert auf einer Skala von 0 (links) bis 10 (rechts) lag bei 3,6. Österreichs Journalisten verorten sich politisch deutlich links der Mitte — und der Trend zeigt weiter nach links. Dass der ORF, als mit Abstand größter Arbeitgeber im heimischen Rundfunkjournalismus, dabei noch einmal kräftig über dem ohnehin schon linken Branchenschnitt liegt, ist kein Geheimnis. Schon die Arbeiterkammerwahlergebnisse aus dem ORF-Sprengel am Küniglberg erzählen eine deutliche Geschichte:
„84% der Arbeitnehmer stimmten für die Linken, bestehend aus Sozialdemokraten, grünen Listen und Kommunisten. Gerade noch 6% konnten die Schwarzen und 1,6% die Freiheitlichen einheimsen – der Rest Splittergruppen.“
https://kurier.at/kultur/medien/ak-wahl-orf-ergebnis-werner-ertl-zentralbetriebsrat/402927735
Man kann solche Zahlen nun relativieren. Man kann sagen, Selbsteinschätzungen seien schwierig zu beurteilen, wie es Seethaler von der Akademie der Wissenschaften tat. Man kann warnen, man solle nicht zu viel schlussfolgern, wie der Schweizer Medienwissenschafter Wyss empfahl. Was man aber nicht kann: so tun, als existierten diese Zahlen und politischen Tendenzen nicht. Als wäre die ideologische Zusammensetzung einer Redaktion ohne jeden Einfluss auf das journalistische Produkt. Als würden 84 Prozent linksorientierter Redakteure einfach jeden Morgen ihre persönlichen Überzeugungen an der Garderobengarnitur aufhängen und dann neutral berichten — über Migration, über Klimapolitik, über Parteien, die sie mehrheitlich als „demokratiegefährdend“ und „zu rechts“ betrachten.
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Der Zeuge für die Anklage sitzt im Haus
Das Bemerkenswerteste ist: Nicht einmal ORF-Moderator Armin Wolf selbst widerspricht dieser Diagnose. In einem Podcast räumte er offen ein, dass die Journalisten im ORF zum überwiegenden Teil links eingestellt seien. Seine Erklärung: Konservative junge Menschen würden lieber Jus, BWL oder Medizin studieren, weil sie dort schneller gut verdienen könnten. In den Journalismus gingen, so Wolf wörtlich, „tendenziell eher linkere Menschen.“ Wolf nannte den Mangel an ideologischer Diversität innerhalb der Redaktionen als grundlegendes Problem.
„Es sind tendenziell eher linkere Menschen, die in den Journalismus gehen.“
Armin Wolf, stellvertretender ORF-Chefredakteur, im Podcast „Erklär mir die Welt“, März 2025
Man lasse das kurz sacken. Der stellvertretende Chefredakteur des größten öffentlich-rechtlichen Medienhauses Österreichs bestätigt persönlich, was Kritiker seit Jahrzehnten sagen — und in Wien in der bürgerlichen Reichshälfte schreit niemand auf. Es gibt keine Reformdebatte, keine Forderung nach strukturellen Konsequenzen. Stattdessen herrscht Business as usual. Man stelle sich vor, was im Land los wäre, wenn 84 Prozent der Belegschaft rechts wählen würden und wie laut linke Stimmen nach Ausgewogenheit rufen würden.
Das System reproduziert sich selbst
Nun muss man verstehen, wie ein solches Medienhaus funktioniert: Eine Redaktionskultur ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer kollektiven Selektion von Menschen, die zu einem Team geformt wurden mit gewissen Werten und Prinzipien. Es geht darum, wer eingestellt wird, wen man als Kollegin oder Kollegen empfiehlt, welche Themen als wichtig gelten, welche Frames als selbstverständlich betrachtet werden — all das entsteht eben nicht im leeren Raum. Es entsteht in einer Umgebung, in der Gleichgesinnte über Jahrzehnte hinweg Normen setzen, Personal auswählen und institutionelle Kultur prägen. Die Konrad-Adenauer-Stiftung beschreibt diesen Mechanismus präzise in einer Studie zu Einseitigkeiten im Journalismus: Je politisch homogener ein Berufsfeld sei, desto wahrscheinlicher führe die berufliche Koorientierung — der Wunsch nach Zugehörigkeit und Anerkennung unter Kollegen — zum Einzug politischer Einseitigkeiten in die Berichterstattung.
Es liegt hier also nicht böser Wille vor oder eine linke Verschwörung per se. Es ist neben ideologischer und politischer Präpotenz wohl auch sehr stark strukturelle Betriebsblindheit. Wer seit dreißig Jahren in einem Umfeld sozialisiert wurde, in dem bestimmte Positionen als Konsens gelten, der erkennt seine eigene Schlagseite nicht mehr. Er hält sein Weltbild für Normalität und alles, das davon abweicht, für erklärungsbedürftig. Der Wiener ORF-Journalist, der seine Karriere im linksurbanen akademischen Milieu begann, der FPÖ per se als rechtsextrem einordnet und dem die Grünen wie eine vernünftige bürgerliche Mitte erscheinen — dieser Journalist berichtet nicht schlecht, weil er lügt oder bewusst Propaganda betreibt. Er berichtet schon alleine deshalb schief, weil er seine eigene Schieflage für Geradeaussehen hält. Das kann man übrigens sehr schön an Armin Wolf erkennen, als dieser belustigt feststellte, dass es eh so viele rechte Medien in Österreich gäbe und die Medienlandschaft damit natürlich repräsentativ sei.

Was ein neuer General nicht ändern kann
Nun also Clemens Pig. Frisch gewählt mit 21 von 35 Stimmen, Wunschkandidat einer Koalition aus ÖVP und SPÖ, die sich, wie berichtet wird, längst vor der offiziellen Ausschreibung auf ihn geeinigt hatte. Sein Konzept trägt den Titel „Ein ORF, dem Österreich vertraut.“ Das sind wie bei Vorgänger Weissmann mal schöne Worte. Doch selbst wenn Pig der überzeugendste Reformer seit Gründung des ORF wäre: Was soll er reformieren? Er kann von oben gewisse Strukturen verändern, er kann Redaktionskonferenzen einberufen und er kann wohl neue Leitbilder formulieren und politische Diversitätsbeauftragte ernennen — schon Weißmann hatte so etwas versprochen. Was Pig aber nicht kann, ist eine Belegschaft, die über Generationen ideologisch gleichförmig rekrutiert wurde, binnen einer Funktionsperiode von fünf Jahren in ein plurales Meinungshaus verwandeln. Das geht schlicht nicht. Einseitige Journalisten kündigen schließlich nicht, nur weil ein neuer General antritt. Sie bleiben und schreiben weiter, sie moderieren weiter und Ihre politischen Prägungen, ihre Netzwerke und ihre Blickwinkel — die bleiben natürlich ebenfalls. Genau deshalb hat sich die FPÖ mit ihrem eigenen Mediensystem eine erfolgreiche Alternative zum ORF gebastelt. Die FPÖ wurde am Küniglberg nicht fair behandelt und gerne an einen Dauerpranger gestellt, obwohl sie mit ihren Warnungen zur Migrationspolitik vielfach recht behalten sollte.
Österreich leidet wie viele Länder aber leider oft an einer spezifischen politischen Schwäche: dem Glauben, das Personalentscheidungen Strukturprobleme lösen. Man hofft, dass nun ein neues Gesicht an der Spitze ein System wie den ORF heilt, das von innen heraus krank ist. Das ist bequem. Es erlaubt, alle fünf Jahre so zu tun, als würde man etwas tun, ohne etwas zu verändern. Der ORF ist das Paradebeispiel dieses Denkfehlers. Seit Jahrzehnten wird über seinen politischen Einfluss gestritten, werden Generaldirektoren als rote oder schwarze oder türkise Parteisoldaten angetreten, werden Sideletters geschlossen und Stiftungsratsposten verteilt — und am Ende schaut das Programm immer aus wie zuvor und zwar, weil das Programm von der Redaktion gemacht wird, nicht vom General. Wie tief das Misstrauen der Bevölkerung geht, zeigen die Umfragen eindeutig: 72 Prozent der Österreicher sind der Meinung, die Politik nehme zu viel Einfluss auf den ORF und 64 Prozent finden, das Programm sei schlechter geworden. Das ist die Quittung für Jahrzehnte politischer Schlagseite einer Institution, die sich selbst für den Inbegriff der Objektivität hält, während sie von innen heraus jede echte Diversität systematisch verhindert hat.
Fazit
Clemens Pig mag ein fähiger Manager sein. Er mag den ORF digitaler machen, effizienter, transparenter, wie er verspricht. Er mag sogar — man gönnt es ihm — jene innere Unabhängigkeit mitbringen, die er in seinen Bewerbungsunterlagen beschreibt. Aber er wird den ORF nicht ideologisch transformieren. Nicht weil er es nicht will, s9ondern weil der ORF ein geschlossenes System ist, das keinen echten Impuls von außen kennt und keinen zulässt. Eine Redaktionskultur, die 84 Prozent ihrer Mitglieder links der Mitte verortet, die in ihrer internen Betriebsratswahl bürgerliche Kräfte auf ein Achtel zusammendrängt, die selbst in ihrem eigenen stellvertretenden Chefredakteur einen Zeugen für die eigene Schlagseite produziert — diese Redaktionskultur verändert sich nicht durch eine neue Visitenkarte im sechsten Stock des Küniglbergs.
Was es bräuchte, wäre ein ehrlicher, schonungsloser Blick auf die Einstellungspraxis der letzten dreißig Jahre. Eine strukturierte Öffnung gegenüber konservativen, liberalen, ländlichen und bürgerlichen Perspektiven — nicht als Alibiprojekt, sondern als echtes redaktionelles Prinzip. Es bräuchte die institutionelle Courage einzugestehen, dass ideologische Diversität kein Angriff auf den Journalismus ist, sondern seine Grundbedingung. Erst wenn die Redaktion so aufgestellt ist wie die Bevölkerung, dann kann der ORF „wie wir“ sein. Nichts davon wird aber kommen. Der Stiftungsrat hat gewählt, die Zeitungen berichten und der ORF macht weiter wie bisher — bis zur nächsten Marathonwahl in fünf Jahren, wenn wieder ein neues Gesicht als bürgerlicher Heilsbringer inszeniert wird. Das Ritual beginnt von vorne. Das System des Rotfunks bleibt, wie es ist und versucht weiter, „die SPÖ zu retten“!
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Das Team von „Der März“
Links & Quellen
https://orf.at/stories/3433041
https://kurier.at/kultur/medien/ak-wahl-orf-ergebnis-werner-ertl-zentralbetriebsrat/402927735