Der Kammerkönig und sein Bürgermeister: Warum Ruck gehen muss – und Ludwig ihn deckt

Walter Ruck und Bürgermeister Ludwig 2024 bei den Wiener Medientagen

Während sich in der Wiener Wirtschaftskammer dieser Tage mit jedem Leak ein neuer Präsidentenskandal an den nächsten reiht, tut ihr Präsident Walter Ruck so, als ginge ihn das alles nichts an. Postenschacher zugunsten des eigenen Sohnes, Wahltricks gegen den Koalitionspartner, abfällige Sprüche über Industrielle und den Wirtschaftsminister, ein Frauenbild, das ins vorige Jahrhundert gehört – und mittendrin ein Mann, der schweigt, taktiert und sich auf seine Hausmacht verlässt, als wäre die Wirtschaftskammer sein Privateigentum. Walter Ruck hat in den vergangenen Wochen bewiesen, dass er nicht mehr Interessenvertreter, sondern für die ÖVP und wahrscheinlich auch die SPÖ eine politische Belastung ist. Die eigene Partei prüft seinen Ausschluss, die Kammerpräsidentin distanziert sich von ihm und der Kanzler will mit ihm nichts mehr zu tun haben. Nur Duz-Freund und Wiener Bürgermeister Michael Ludwig hält weiterhin zu Walter Ruck!

Ruck: „Na, 500 Millionen Euro mach ich dir locker“

Ruck an Bürgermeister Ludwig; Quelle: https://www.krone.at/4229737

Was hierzulande politisch gerne als „Einzelfall“ kleingeredet wird, ist bei Licht betrachtet ein Lehrstück und ein Sittenbild über österreichische politische großkoalitionäre Packelei. Denn wer glaubt, es handle sich nur um die Verfehlungen eines einzelnen Funktionärs, der irrt gewaltig. Ruck hält sich nicht aus eigener Kraft im Amt. Er hält sich, weil ihm ausgerechnet der Bürgermeister der Bundeshauptstadt den Rücken freihält – ein SPÖ-Stadtchef, der einen ÖVP-Funktionär gegen die eigene Partei, gegen die eigene Frauenbewegung und gegen den gesunden Menschenverstand verteidigt. Diese Männerfreundschaft zwischen Michael Ludwig und Walter Ruck verdient also einen zweiten, kritischeren Blick. Weil die „kritischen Medien“ immer erst im Nachhinein mutig sind, erfahren wir nun, dass Rucks Gehabe in Wien unter Häupl und auch Zilk und natürlich jetzt unter Ludwig State of the Art war. Weil freilich niemand den österreichischen Inseratekaiser direkt kritisieren will – die Stadt Wien ist der größte private Inserent in Tageszeitungen – wird nun der Bürgermeister Adlatus Ruck ins Visier genommen. Für die ÖVP wird seine Entfernung am Ende wohl ein Glücksfall sein, denn die Leaks zeigen, dass er genau der Partei seit langem schadet, die er eigentlich vertreten soll!

Ein Präsident, der sich selbst belastet

Auslöser der Affäre sind geleakte Protokolle eines mehrstündigen, vertraulichen Gesprächs Walter Rucks, die Profil und die „Krone“ gemeinsam ausgewertet haben. Darin plaudert Ruck freimütig aus, wie er in der Wiener Wirtschaftskammer und in der Stadtpolitik Posten für Günstlinge organisiert haben will – bis hin zur Kandidatur seines eigenen Sohnes, für die eine Vizepräsidentin angeblich auf eigene Ambitionen verzichten musste. Sie habe brav salutiert, spottete Ruck, als er sie zum Rücktritt ihrer Kandidatur aufforderte, um stattdessen seinen Sohn zu fördern! Über Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer, seinen eigenen Parteifreund und ebenso Wirtschaftsbündler, lästerte Ruck ebenso ungeniert wie über Industrievertreter, die er als „degenerierte Österreicher, die vom Kaviar-Frühstück“ kommen, abqualifizierte. Respekt vor den eigenen Mitgliedern und der eigenen Partei sieht anders aus, wie etwa der IV-Generalsekretär Christoph Neumayr treffend festhielt.

Noch schwerer wiegt 2026 offenbarWalter Rucks Umgang mit Frauen. Über die SPÖ-Finanzstadträtin Barbara Novak soll er zu Beginn ihrer Amtszeit gesagt haben: „Ich will nicht mit einer Frau“ in seinen berüchtigten Weinkeller im ersten Bezirk gehen, wo er gerne Deals abschließt und Absprachen macht. Mit ihrem männlichen Vorgänger habe man schließlich Zigarre und Wein genossen, denn so etwas gehöre schließlich zu seiner Welt. Ein Wirtschaftskammerpräsident, der weibliche Amtsträgerinnen offen als Störfaktor im eigenen Ritual empfindet, hat sich für sein Amt disqualifiziert – ganz unabhängig davon, wie er sich hinterher öffentlich zur „Kompetenz unabhängig vom Geschlecht“ bekennt. Auch die Umbennung einer Straße nach einer jüdischen Frau neben der Wirtschaftskammer Wien Zentrale verhinderte Ruck mit dem Argument, dass deren Namen niemand buchstabieren könne.

Politisch am relevantesten ist aber, wie peinlich servil der ÖVP-Funktionär Ruck sich der SPÖ andient. Da gibt es Tipps, wie die SPÖ die Macht behalten kann und ständige Betonungen, nach denen die ÖVP in Wien ja der SPÖ keinesfalls politisch in die Quere kommen möge. Ruck gab laut den Leaks wohl auch offen zu, die eigene Parteiarbeit als Oppositionspartei bei Bedarf etwas zu sabotieren, wenn die ÖVP politisch „zu frech“ werde. Verbandelt soll Ruck mit der SPÖ-Spitze aber nicht nur inoffiziell via der Achse mit Bürgermeister Ludwig sein, sondern laut dem Nachrichtenportal „Fass ohne Boden“ auch via der Freimaurerei, wo Ruck ebenso Mitglied ist wie viele hohe SPÖ-Kader. Via dieser elitären Schattenregierung steuern einflussreiche und vermögende Männer aus den Freimaurerlogen nämlich offenbar immer stärker die Geschicke der Stadt mit, während die SPÖ nach außen hin aber so tut als sei sie eine Arbeiterpartei!

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Fünf Tricks statt einer Entschuldigung

Statt als gestandener Mann politische Verantwortung zu übernehmen und zurückzutreten, greift WKW-Präsident Ruck nun ganz durchsichtig zu einem Lehrbuch der Krisenkommunikation, das an Zynismus kaum zu überbieten ist. Er selbst schweigt eisern, während seine Sprecher die Echtheit der Protokolle mit der Formulierung einer „nicht verifizierbaren und potenziell illegal angefertigten“ Aufnahme in Zweifel ziehen – ohne freilich zu klagen, denn eine Klage vor Gericht würde Beweise erzwingen. Parallel dazu schickt er Vertraute vor, die seine Version stützen sollen, warnt die eigene Fraktion vor „Kampagnen“ der Medien und lässt sich per WhatsApp öffentlichkeitswirksam die Loyalität potenzieller Nachfolger bestätigen. Sein Vertrauter Florian Kollenz ließ sogar den Bundeskanzler wissen, er solle sich lieber mit „Bürokratiewahnsinn“ beschäftigen als mit der Causa Ruck.

Rechtlich hat Ruck bei einem leider recht: Weder Kanzler noch Bundeskammerpräsidentin können ihn aus dem Amt drängen. Nur eine Mehrheit im eigenen Wirtschaftsbund könnte das. Genau diese Mehrheit hat er sich aber seit Monaten mit System gesichert – notfalls offenbar, indem Kritiker mit im voraus gefüllten Rücktrittserklärungen zum Aufgeben gedrängt werden. Doch dass ein angeschlagener Amtsträger trotz massiver berechtigter Kritik nach vielen Medienberichten nur deshalb im Sattel bleibt, weil die Statuten und seine politische Freunde ihn trotzdem schützen, ist kein Argument für seine Eignung, sondern ein Armutszeugnis für die demokratische Kontrolle innerhalb der Kammer. Die Geschichte wirft einmal mehr ein Licht auf das undemokratische System der Kammern mit ihren Zwangsmitgliedern, hohen Beiträgen und ungustiösen politischen Machenschaften.

Der SPÖ-Bürgermeister als letzter Schutzschild

Und dann ist da natürlich Wiens Bürgermeister Michael Ludwig. Während ÖVP-Bundeskanzler Christian Stocker, Kammerpräsidentin Martha Schultz und hochrangige Landeschefs wie Karoline Edtstadler oder Markus Wallner Ruck unmissverständlich den Rücktritt nahelegten, stellte sich ausgerechnet der SPÖ-Bürgermeister demonstrativ hinter den ÖVP-Funktionär. Er kenne Ruck „ganz anders“, ließ Ludwig ausrichten, nämlich als umsichtigen Partner. Sein Fazit lautete lapidar:

Charakterstärke zeigt sich immer bei Gegenwind.

Michael Ludwig, Bürgermeister von Wien, laut Aussagen gegenüber der APA

Diese Solidaritätsbekundung fällt in eine Zeit, in der selbst die eigene sozialdemokratische Frauenbewegung über Rucks Sager zutiefst empört ist. Der rote Feminismus, den die SPÖ sonst gerne vor sich herträgt, wird bemerkenswert leise, sobald es um den politischen Nutzen einer Männerfreundschaft geht. Und diese Freundschaft hat, folgt man den Recherchen von profil, durchaus persönliche Züge: Gemeinsame Shoppingtouren mit den Ehefrauen im Berliner KaDeWe gehören ebenso dazu wie intime Gespräche über hochsensible Beteiligungspolitik der Stadt. So erzählte Ruck ,laut Protokoll, wie er bei genau diesem Einkaufsbummel Bürgermeister Ludwig die Umwandlung der Wien Energie in eine Aktiengesellschaft empfohlen habe – eine Entscheidung mit potenziell milliardenschweren Konsequenzen für die Stadt! Das Ganze wurde offenbar zwischen zwei Einkaufstüten in der Öffentlichkeit diskutiert, fernab jeder parlamentarischen Kontrolle. Das Rathaus dementiert zwar, dass dies „auf der Agenda“ stehe. Doch allein die Beiläufigkeit, mit der ein Bürgermeister und ein Kammerpräsident im Ausland in einem Einkaufszentrum über die Struktur eines städtischen Energieversorgers plaudern, offenbart eine Vertrautheit, die für die demokratische Gewaltenteilung bedenklich ist.

Walter Ruck und Bürgermeister Michael Ludwig
Walter Ruck und Bürgermeister Ludwig 2024 bei den Wiener Medientagen

Eine Packelei mit System

Wer wissen will, warum Ludwig derart hartnäckig an Ruck festhält, muss neben der persönlichen Freundschaft nur auf die politische Architektur der Stadt blicken. Mit dem ÖVP-dominierten Wirtschaftsbund unterhält die Wiener SPÖ neben den Neos de facto eine zweite, informelle Koalition. Jede Kritik der ÖVP an der roten Stadtregierung lässt sich mit dem Verweis auf diese enge Kooperation entkräften. Ein Nachfolger Rucks, der stärker auf Konfrontation zur Stadtregierung ginge, wäre für das rote Rathaus deshalb unangenehm und unerwünscht – und genau das dürfte Ludwigs eigentliches Kalkül sein, weit wichtiger als jede linke Parteiräson.

Wie tief diese schwarz-rote Packelei reicht, zeigt sich auch an anderer Stelle. Der sozialdemokratische Wirtschaftsverband SWV, der Wirtschaftsflügel der eigenen Partei, wirft Ruck vor, bei der Kammerwahl 2025 vereinbarte Mandatsrückgaben schlicht verweigert zu haben. Deren Landeschef Marko Fischer erklärt:

Nach der Wahl hätten die Mandate wieder an den SWV übertragen werden sollen

Marko Fischer, SWV-Wien-Chef und WKW-Vizepräsident

Ruck soll also die rote Fraktion übervorteilt haben und ihr gar eine „Watschen“ angedroht haben. Ausgerechnet in diesem Konflikt zwischen der eigenen Wirtschaftsfraktion und dem Wirtschaftsbund stellte sich SPÖ-Bürgermeister Ludwig dann gegen seine eigenen Genossen und auf Rucks Seite. Auch bei der umstrittenen Bestellung des früheren ÖVP-Wien-Chefs Manfred Juraczka zum zweiten Geschäftsführer der Wirtschaftsagentur – ohne öffentliche Ausschreibung, dafür mit Rucks Intervention bei Ludwig – wurde deutlich, wie selbstverständlich hier Ämter zwischen zwei Parteifreunden verschoben wurden, während die eigentlich zuständige Finanzstadträtin erst im Nachhinein informiert worden ist.

Fazit

Walter Ruck hat mit den geleakten Protokollen selbst das Urteil über seine politische Arbeit gesprochen: Er ist ein egoistischer Machtmensch, der Postenschacher auch zum Schaden der eigenen Partei zum System erhoben und Frauen offen abgewertet haben soll und der jede kritische Stimme in der eigenen Kammer mit Drohgebärden erstickt haben soll. Dass er trotzdem noch im Amt des Präsidenten der Wirtschaftskammer Wien sitzt, während seine eigene Partei vom Bundeskanzler abwärts den Ausschluss prüft und auch die neue WKÖ-Kammerpräsidentin sich von ihm distanziert, ist längst kein Zeichen von Stärke mehr, sondern das letzte Aufbäumen eines Kammerkönigs, dessen Machtbasis mehr als bröckelt. Wer sich, wie Ruck, nur noch über Statuten und interne Fraktionsdisziplin im Amt hält, hat die moralische Legitimation zur Interessenvertretung längst verspielt. Ein Präsident, der Unternehmerinnen und Unternehmer vertreten soll, aber intern über Frauen, Industrielle und ganze Bundesländer herzieht, ist ein Sicherheitsrisiko für das Ansehen des gesamten Wirtschaftsstandorts Wien.

Doch die eigentliche Warnung dieser Affäre reicht über Ruck hinaus. Sie zeigt, wie tief informelle Männerbünde wie offenbar die Freimaurerei, aber auch der altbekannte rot-schwarze Proporz immer noch in der österreichischen Realpolitik verankert sind – und wie bereitwillig ein Bürgermeister die Grundwerte seiner eigenen Partei für den Erhalt eines bequemen Packelei-Systems opfert. Michael Ludwig hat mit seiner Verteidigung Rucks nicht nur seine eigene Frauenbewegung brüskiert, sondern demonstriert, dass ihm die informelle Zweit-Koalition mit dem Wirtschaftsbund offensichtlich wichtiger ist als Anstand, Transparenz und die eigene politische Glaubwürdigkeit. Wien braucht nun einen Kammerpräsidenten mit reiner Weste und einen Bürgermeister, der Machtmissbrauch nicht deckt, sondern beendet. Solange beide an ihren Sesseln kleben, bleibt diese Stadt Geisel einer Freunderlwirtschaft, die sich längst gegen ihre eigenen Bürger richtet. Wien verdient zudem auch eine ÖVP, die nicht Spitzenfunktionäre hat, die als verlängerter Arm der SPÖ-Wien agieren und die mit dem SPÖ-Chef auch noch servil auf Urlaub fahren!

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Links & Quellen

https://www.krone.at/4229737

https://www.profil.at/dasfruehstueck/walter-ruck-wirtschaftskammer-affaere-krisenkommunikation/403177638

https://www.profil.at/investigativ/ruck-ruecktritt-watschen-oevp-kammer-spoe-ludwig/403177887

https://kurier.at/politik/inland/michael-ludwig-walter-ruck-wk-wien/403177620