Worst-Case: Was wenn Russland den Ukraine-Krieg verliert?

Zwei der Sieben Schwestern in Moskau; Quelle: Privatphoto des Autors dieses Artikels von einem vergangenen Moskaubesuch

Russland ist gegenwärtig aufgrund seines Angriffskrieges in der Ukraine exponierter gegenüber politischer Instabilität als in allen anderen Jahren seit Putins Regierungsantritt 1999. Die Niederlage in der Schlacht um Kiew und heldenhafter ukrainischer Widerstand in der Ostukraine machen das zuvor Undenkbare plötzlich möglich: Russland könnte diesen Krieg verlieren. Anders als im Falle des Westens in Afghanistan würde Russlands Niederlage aber direkt vor der eigenen Haustüre stattfinden und 10.000ende gefallene Soldaten mit sich bringen.

Solche Ereignisse haben im autoritären Russland historisch gesehen stets zu Umstürzen und Revolutionen geführt: Bei der ersten russischen Revolution 1905-1907 nach der Kriegsniederlage gegen Japan konnte sich der Zar nur durch die Einführung einer parlamentarischen Monarchie retten. 1917 war die Niederlage im Ersten Weltkrieg gegen die Mittelmächte dann der Anlass für den endgültigen Sturz des Zarenreiches in der Februarrevolution. Die Sowjetunion kollabierte nicht zuletzt aufgrund ihrer Niederlage im Kalten Krieg und nach dem langem Abnützungskrieg in Afghanistan.

In diesem Artikel wollen wir nun die Frage erörtern, was nach einer Kriegsniederlage im größten Land der Welt passieren könnte! Welche Herausforderungen kommen auf ein Russland nach Putin zu? Wankt der russische Bär nach der Niederlage seiner Streitkräfte in der Ukraine? Zur Beantwortung dieser Frage werden auch persönliche Erfahrungen einfließen, denn der Autor dieses Artikels durfte Russland bereits von St. Petersburg über Moskau bis hin zur mongolischen Grenze bereisen!

Historische Parallele: Der Russisch-Japanische Krieg (1904/1905)

„Die“ historische Parallele die sich hier aufdrängt ist der Russisch-Japanische Krieg (1904/1905), welcher mit einer demütigenden militärischen Niederlage des Kaiserreichs Russland gegen das damals aufstreibende Kaiserreich Japan endete. Russland verlor dabei seinen Einfluss auf China und die Mandschurei und musste sogar Teile seines Staatsgebiets (Südsachalin) an Japan abtreten. Russland kam dabei dank britischer Vermittlung aber letztlich sogar noch glimpflich davon! Denn die militärischen Niederlagen auf See (Seeschlacht von Tsushima) wie auf dem Lande (Belagerung von Port Arthur, Schlacht bei Mukden) waren politisch wie militärisch entscheidende Einschnitte. Erstmals triumphierte in der Moderne ein asiatisches Heer über eine europäische Großmacht.

In Russland führte dies zu einer massiven Delegitimierung der Zarenregierung, zu einem Generalstreik und zu gewaltsamen Unruhen bis ins Jahr 1907. Der absolutistisch regierende Zar musste mit dem Oktobermanifest 1905 erstmals seinem Volk weitreichende Zugeständnisse machen! Es kam zur Konstituionalisierung des Landes, auch wenn diese in den folgenden Jahren wieder zurückgenommen wurde, sobald sich die Lage beruhigt hatte. Die Einführung des Parlamentarismus in Russland in Form der Duma, sowie bürgerliche Grundrechte waren Bestandteil des Oktobermanifests. Unruhen wie die Kriegsniederlage lösten zudem eine wirtschaftliche Rezension und damit einhergehend eine steigende Arbeitslosigkeit aus. Streiks unterbanden den wirtschaftlichen Austausch zunehmend und in den von ethnischen Minderheiten bewohnten Randprovinzen kam es zu Bestrebungen nach nationaler Selbstbestimmung.

All dies ist heute ebenso im Bereich des Möglichen! Russlands Duma genießt heute eher wenig politischen Rückhalt und Vertrauen im Volk! Wie 1905 existieren immer noch ethnische Randregionen wie der Kaukasus, die teilweise nach Selbstbestimmung streben! Wirtschaftliche Schwierigkeiten und eine drohende Kriegsniederlage könnten hier also entscheidend am russischen Selbstbewusstsein nagen.

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Die Frontlinien im Ukrainekrieg (Stand 11.09.2022); Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2022_Russian_invasion_of_Ukraine.svg

Territoriale Verluste: Die Ostukraine wäre passé, aber geht die Krim auch verloren?

Wird die russische Armee in der Ukraine tatsächlich entscheidend von der mit westlichen Waffen hochgerüsteten Ukraine geschlagen, dann wird sogar ein Szenario möglich, wo Russland die 2014 blutig erkämpfte Ostukraine, oder im Falle des Falles sogar die Krim verlieren könnte. Die territoriale Annexion ist nämlich von fast keinen Staaten weltweit anerkannt worden und deshalb abhängig von der Stärke des russischen Staates und dessen Armee. Verliert Russland den Krieg und versinkt in inneren Unruhen, so würde die Ukraine wohl auch den Krieg auf die Halbinsel tragen, welche sie als ihr legitimes Staatsgebiet betrachtet.

Russland könnte dann wie einst Nazi-Deutschland 1945 (Verlust der deutschsprachigen Regionen Österreich, Sudentenland, Preußen und Schlesien) gezwungen sein die einst annektierten russlandaffinen Randgebiete auf der Krim, im Donbas, in Georgien und auch Transnistrien wieder an seine völkerrechtlich legitimen Besitzer zurückzugeben. Ein Szenario welches in Russland wohl beispiellose Auswirkungen hätte und einen politischen Umsturz wohl ziemlich wahrscheinlich machen würde. Schließlich sind diese Gebiete die geopolitischen Früchte der Annexionspolitik Putins seit seinem Amtsantritt.

Eine historische Parallele wäre dazu der erste Tschetschenienkrieg (1994-1996), welcher mit einem Abzug der russischen Truppen und der De-facto-Unabhängigkeit Tschetscheniens endete. Infolge einer demoralisierten russischen Armee, schlechter Koordinierung und politischer wie militärischer Konfusion.

Putins Schicksal: Geht es seiner Kleptokratie an den Kragen?

Die Russen sind ein stolzes Volk und durchaus bereit für den Ruhm ihres Landes und der Armee wirtschaftlich zurückzustecken. Die Krim-Annexion und die folgenden Sanktionen des Westens haben dies wunderbar demonstriert. Ist aber der imperiale Lack am russischen Bären erst einmal ab, dann wird das autoritär regierte Volk sich womöglich darauf besinnen, dass Putin an der Spitze einer ineffektiven Kleptokratie steht! Das er Eliten anführt, die Milliarden an russischen Dollars und Euros in den Westen verschoben haben. Für Jachten, Fussballklubs, Immobilien und allerlei Investments von den viele verarmte Russen in keinerlei Weise profitieren. Bei der russischen Revolution 1905 brannten damals die opulenten adeligen Herrschaftssitze in einer ähnlichen Situation.

Mit Putin gemeinsam ist seine Regierung (wie in autoritären Staaten nicht unüblich) zunehmend vergreist (Lawrow, Schoigu, etc.) und von Sicherheitsleuten, den Silowiki, unterwandert worden. Dynamik aufgrund politischen Wechsels, wirtschaftlicher Prosperität und aufgrund neuer Ideen und staatlicher Legitimität dürften die Top-Vertreter dieses Systems daher nicht gerade im Volk auslösen können. Wirtschaftlich wird die Lage seit 2014 nicht mehr wirklich besser und seit 2022 verschlechtert sie sich nun sogar rasant. Wirtschaftliche Reformer wie Alexei Leonidowitsch Kudrin haben daher vielfach längst das Weite gesucht.

Putins persönliches Schicksal ist eng mit seinem Machterhalt verknüpft. Schließlich hängt seine Sicherheit und der Zugriff auf ein mutmaßliches Milliardenvermögen von seiner politischen Macht ab. Er würde daher wohl mit seinem Regime untergehen, weil abseits von China ihn kein Staat vor dem Zugriff des Westens oder eigener interner Gegner schützen könnte. Ausgenommen er übergibt die Macht rechtzeitig friedlich wie Kasachstans Ex-Diktator Nasarbajew an einen autoritären Nachfolger und wird nach seinem Rücktritt als Präsident wie dieser von den neuen Machthabern an einem geheimen Ort kaserniert. Freilich verbunden mit der stetigen Gefahr, dass das neue Regime aus dem Vorgänger stets einen Sündenbock machen könnte! Sofern es seine eigene Legitimität im Volk untergraben sieht.

Mögliche Nachfolger? Kommt Nawalny oder doch ein anderer Silowiki

Die Nachfolgeregelung Putins hängt natürlich von den Umständen seines Karriereendes ab. Verläuft dieses gegen seinen Willen ab, könnte ein anderer Silowiki (aka Vertreter der Geheimdienste und des Militärs) a la einst Putin selbst auf dieser Machtbasis die Kontrolle übernehmen. Der Sicherheitsapparat könnte so seine Macht absichern und weiterhin seine Proteges an den zentralen Schalthebeln der Macht positionieren. Dagegen spräche, dass möglicherweise die politische Basis der Silowiki zu klein wäre, als das diese sich – Geheimdienst hin oder her – politisch lange würden halten können.

Denkbar wäre auch dass sich russische Führungseliten in einer für Russland schwierigen Situation mit Alexei Nawalny anfreunden, der Sympathien weltweit genießt. Nawalny könnte für Russland insofern hilfreich sein, da er ein klarer Opponent Putins ist, politisch geschickt und vom Westen daher wohl bessere Friedensbedingungen zu erwarten wären als bei einem Hardcore-Silowiki. Der Westen sucht nämlich letztlich stabile Partner und wenn Russland bereit wäre einen solchen zu nominieren, wird man diesem wohl entgegen kommen. Nawalny ist Nationalist und würde wohl wie einst Putin notwendige Kompromisse mit dessen Regime machen, um seinen Weg in den Kreml zu ebnen. Daher ist er wohl auch gegen den Rat vieler nach seiner Vergiftung ins Land zurückgekehrt.

Glaubt man Berichten sind die einst mächtigen Oligarchen heute politisch von Putin weitestgehend in ihrer Bedeutung gestutzt. Verliert die politische Zentrale an Macht in einer instabilien Situation so könnten sich die 1990er politisch wiederholen. Womit den wirtschaftlich potenten Oligarchen ein Comeback bevorstehen würde. Einer hat sich jedenfalls schon als Vermittler exponiert und wurde dafür wohl von innerrussischen Feinden leicht vergiftet: Roman Abramowitsch. Dieser verfügt neben enormen Geldmengen über Managementtalent und fungierte bereits jahrelang als erfolgreicher politischer Gouverneur. Regierungs- sowie Managementerfahrung sowie ein gewisses Charisma wären bei ihm wohl im Überfluss vorhanden. Wie auch potentiell nützliche Kontakte zu Selenski, Erdogan, zum britischen Establishment (Chelsea-Investments) und zur Führungselite Israels.

Westlicher Marshallplan für eine kriegszerstörte Ukraine

Geopolitisch enorm schaden könnte man dem Putin-Regime indem man die kriegszerstörte Ukraine rasch wiederaufbaut und den Ukrainern dann hilft ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu entfalten. Wie Taiwan und Hong Kong für Xi Jingping ist auch eine wirtschaftlich prosperierende demokratische Ukraine für Russland Ansporn wie Gefahr zugleich. Vor allem wenn das eigene Volk eine ähnliche Entwicklung einfordert und eine ökonomisch potentere Ukraine sich politisch wie wirtschaftlich weiter von Russland lösen kann.

Hier gäbe es viele Millionen an persönlichen familiären Beziehungen, welche die Kunde einer wirtschaftlich erfolgreichen Ukraine nach Russland tragen könnten! Für den Kreml wäre es geradezu demütigend, wenn das Armenhaus Ukraine sich nun über die einstige Machtzentrale Russland erheben würde. Die gerne von Russland als „Kleinrussen“ bezeichneten Ukrainer, hätten es den übrigen „Großrussen“ demonstriert, wie man sich besser entwickelt.

Gegen einen raschen Wiederaufbau von Seiten Europas spräche das gestiegene Interesse der EU an ausländischen Arbeitskräften, wobei hier die ukrainischen Flüchtlinge ein geschätztes Arbeitskräftepotential sein dürften. Fachkräfte, die man anders als die muslimischen Flüchtlinge 2015/16 relativ schnell und unkompliziert in die westlichen Arbeitsmärkte integrieren könnte!

Domino-Effekt: Zentralasiens Diktatoren sind die Nächsten

Wankt die russische Autokratie, dann könnte dies auch Folgen für Zentralasien mit sich bringen. Denn in Kasachstan, Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan unterdrücken Autokraten mit korrupten Eliten die dortigen Turkvölker. Wie übrigens auch in Aserbaidschan, das auf der gegenüberliegenden Seite des Kaspischen Meeres liegt. Diese Länder sind wirtschaftlich mehr oder weniger von Russland abhängig! Wie auch von ihrer eigenen Diaspora in Russland, die einen Teil ihrer Einkommen in die Heimat zurücküberweist. Ansonsten setzen diese Länder auf fossile Energien, billige Arbeitskräfte und versuchen von ihrer Position zwischen Russland und China entlang des Wegs der „neuen Seidenstraße“ nach Europa zu profitieren.

Unterdrückt werden dort ziemlich effektiv auch alle islamistische Strömungen! Deren Freisetzung im Zuge eines Umsturzes könnte nach Afghanistan und Pakistan weitere Länder der Region massiv destabilisieren. In Kasachstan fand sich etwa 2022 ganz schnell ein wütender islamistischer Mob, der revoltierte und vom dortigen Regime für einen Machtkampf instrumentalisiert wurde. Eine wachsende Rolle spielt geopolitisch andererseits natürlich auch China, welches ebenso wie Russland und der Westen an einem islamistischen chaotischen Zentralasien wenig Interesse hätte. Letzteres spräche dafür, dass zumindest chinesisches Geld allzu drastischen Umbrüchen im Wege stehen könnte. Schließlich liegt das chinesische Xinjang in direkter Nachbarschaft und dort werden Muslime ja von der KP Chinas massiv unterdrückt. Scheitern Russland und China in ihrer Stabilisierungsfunktion wäre es jedoch leicht möglich, dass auf einen „russischen Frühling“ einmal ein zentralasiatischer und kaukasischer „islamistischer Winter“ folgen könnte.

Demokratische Welle a la 1989?

Der berühmte amerikanische Politologe Samuel Huntington sprach von in den 1990ern von einer kommenden vierten Welle der Demokratisierung, die 20-30 Jahre zumindest einmal dauern sollte. Ein Kollaps Russlands infolge des Ukrainekrieges könnte diese Grundvoraussetzung von 1989 wieder neu schaffen! Und im Nebeneffekt erneut den Westen an die Spitze einer neuen dynamischen demokratischen Welle spülen. In dieser Idealwelt würden internationale universelle Werte wieder auf die politische Agenda kommen! Kleptokratische Autokraten müssten sich einmal mehr zunehmend zurückziehen wie etwa in den 1990er Jahren nach dem Ende des eisernen Vorhangs. Die „Rule of Law“ wäre einmal mehr gestärkt und autokratische Länder wie China täten sich viel schwieriger in diesem Umfeld!

Potential dafür wäre infolge verbreiteter Unzufriedenheit in vielen Weltregionen wohl sicher da. Die Autokraten von China bis Afrika können sich deshalb auch nicht gerade sicher fühlen, weshalb sie sich aktuell ja untereinander gerne verbünden. Chinas und Russlands Investitionen in Afrika sind de fakto auch Militärbündnisse und Stabilisierungsmaßnahmen für lokale autokratische Regime. Die Söldnergruppe Wagner stabilisiert etwa im Gegenzug für die Ausbeutungsrechte von Ressourcen diverse Regime in Afrika.

Der Kaukasus wird zum islamistischen Pulverfass

Wie die vorige Karte schön zeigt besteht der Kaukasus aus vielen verschiedenen politischen Territorien und Entitäten. Manche in der Hand Russlands, andere Teil der sowjetischen Nachfolgestaaten Georgien, Armenien und Aserbaidschans. Gebiete, welche übrigens von rund 50 (!) verschiedenen Volksstämmen bewohnt werden, die teilweise nur in Hass miteinander verbunden sind und sich in Religion, Einstellung und Ethnie klar voneinander unterscheiden. Man spricht kaukasische, altaische oder indogermanische Sprachen, hat russischen, georgischen, armenischen, iranischen, oder autochthonen kaukasischen ethnischen Hintergrund. Die Siedlungsgebiete überlappen einander dabei immer noch trotz zahlreicher blutiger Kriege und Säuberungen in den letzten Jahrhunderten. Der Armenienkrieg 2021 um Berg Karabach ist da nun eines der letzten Beispiele, wie etwa die muslimischen Azeris ihre christlichen armenischen Nachbarn immer wieder niedergemetzelt haben.

Die Tschetschenen sind ihrerseits mit den Russen seit Jahrhunderten in kriegerischen Auseinandersetzungen verstrickt, die wohl bereits hunderttausende Tote über die Zeit gefordert haben. Das multikulturelle islamisch geprägte Dagestan ist heute schon ein einziges islamistisches Pulverfass, wo russische Anti-Terroroperationen an der Tagesordnung sind. Vom Westen weitgehend unbeachtet gab es in dieser Region seit 1990 folgende Kriege und Konflikte: Erster Tschetschenienkrieg (1994-1996), Dagestankrieg (1999), Zweiter Tschetschenienkrieg (1999-2009) sowie einen islamistischen Guerillakrieg im Nordkaukasus (2009-2017)

Aber auch die lokalen orthodoxen Christen mögen sich teilweise überhaupt nicht, bzw sind einander nur in Hass verbunden. Die christlich-orthodoxen Südosseten würden etwa niemals freiwillig ins ebenso christlich-orthodoxe Georgien zurückkehren, ebensowenig wie die separatistischen christlich-orthodoxen Abchasen. Der Georgienkrieg hat hier die politischen Verhältnisse zu Gunsten Russlands geordnet.

Föderale Subjekte Russlands: Republiken (grün), Städte (pink), Regionen (beige), Gebiete (olivgrün), autonome Kreise (dunkelgelb), autonomer Oblast (blau); Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%B6derale_Gliederung_Russlands#/media/Datei:Federal_subjects_of_Russia_(by_type).svg

Noch mehr „Obervoltas“ mit Atomwaffen?

Dmitri Medwedew warnte den Westen, das ein Fall Russlands gleich 5 neue instabile Atomwaffen besitzende Staaten kreieren könnte. Wie die Karte demonstriert bestehen schon heute innerhalb der russischen Förderation allerlei unterschiedliche staatliche Strukturen: Republiken, autonome Städte, Regionen, Gebiete, Kreise und Oblaste. Medwedews Warnung ist daher nicht ganz grundlos, wenngleich sie natürlich zur Einschüchterung des Westens gedacht ist. Rund 20% der Einwohner Russlands sind heute Minderheiten: Asiaten in Sibirien und im Fernen Osten, Kaukasiser im Süden, Tartaren im Zentrum Russlands aber auch europäische Gruppen wie Ukrainer, Weißrussen usw. All diese Gruppen könnten nach mehr nationaler Selbstbestimmung und einer gewissen Form der Unabhängigkeit streben und damit eine politische Kettenreaktion wie 1989 die Balten mit ihren damaligen Forderungen nach Selbstbestimmung auslösen.

Wie einst die Sowjetunion wird auch Russland heute noch teilweise (va. im Kaukasus) nur von militärischer Gewalt und einer starken Exekutive zusammengehalten. Eine Disintegration Russlands in seine förderalen Subjekte würde deshalb kriminelle und islamistische Brandherde vom Kaukasus bis nach Sibirien schaffen und wäre deshalb auch für den Westen keinesfalls wünschenswert. Nicht vergessen sollte man ja die mehr als 6.000 Atomwaffen, sowie unzählige Atomkraftwerke, die über dieses weite Land verteilt sind. Fielen diese in die Hand von Separatisten oder noch schlimmer islamistischen Terroristen könnte auch die Welt mit schlimmen Auswirkungen aufgrund dieser Instabilität rechnen.

Eher unrealistisch, aber nicht undenkbar: Die Interventionschance für China

Der Großteil der russisch-chinesischen Grenze verläuft heute rund um die chinesische Mandschurei. Das war aber historisch betrachtet nicht immer so, denn erst in zwei Verträgen 1858 und 1860 musste China weitreichende Territorien östlich und nördlich der Mandschurei an Russland abtreten. Wladiwostok, die zentrale russische Stadt der Region, wurde erst 1860 von russischen Seeleuten gegründet, wo einst Jurchen und Mandschu siedelten. Der russische Zugriff auf die Region hat also weniger historische Tradition als so mancher US-Bundesstaat im einstiegen „Wilden Westen“ der USA. Die Chinesen wissen das sicherlich und sie vergessen ihre politischen Demütigungen generell nur ungern! Wovon der Autor dieser Zeilen sich in China selbst vergegenwertigen konnte. Teilweise gibt es sogar einen Tourismus zu Orten der „Schande“ , wo die KP Chinas den Chinesen Zerstörungen westlicher Großmächte zeigt.

Zur historischen Schmach Chinas kommt gegenwärtig die beispiellose demographische Schwäche Russlands: Im russischen Föderationskreis Ferner Osten, welcher alles Land östlich und nördlich vom Baikalsee bis zum Ochotskisches Meer umfasst, leben nur etwas mehr als 6 Millionen Menschen. Auf der chinesischen Seite der Grenze sind es dagegen alleine in der Mandschurei etwas mehr als 100 Millionen Menschen. Und die russische Bevölkerung sinkt kontinuierlich seit 1990, während China immer noch wächst und auch generell rund 10x soviele Einwohner hat wie ganz Russland.

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Russische Gebietsgewinne von China in 1858 (beige) und 1860 (rot); Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/15/MANCHURIA-U.S.S.R_BOUNDARY_Ct002999.jpg

In Moskau wurde mir von einem Fremdenführer die alte Furcht Russlands in Form eines sowjetischen Witzes gegenwärtig gebracht. Bei dem Witz ging es um die Sitzung des Zentralkomittees der russischen Kommunistischen Partei im Kreml. Bei dieser vermeldete der zuständige Volkskomissar, dass nun endlich die Ernährungsfrage in der Sowjetunion gelöst sei. Auf den Applaus der übrigen eröffnete ein anderer Kommissar aber betrübt, dass die Leute nun aber spitze Hüte (den Asiatischer Kegelhut) tragen würden. Ergo hätten die Chinesen die Sowjetunion übernommen.

Hunger für die Welt?

Viele der ärmsten und unwirtlichsten Länder dieser Welt sind abhängig von den Lieferungen günstigen Nahrungsmitteln aus den Agrargroßmächten Ukraine und Russland. Die Vereinten Nationen warnen deshalb schon länger vor Nahrungsmittelknappheit und einer globalen Hungerkrise. Krisenländer wie Libyen, der Jemen, Sudan, Ägypten würden hiervon massiv betroffen sein, was neue Flüchtlingswellen und Hungerrevolten auslösen würde. Massives wenig nachhaltiges Bevölkerungswachstum und eine rückständige islamistische Politik haben in diesen Wüsten-Ländern zu einer massiven Bevölkerungsexplosion geführt, welche jedem nachhaltigen Prinzip widerspricht. Mit oder ohne Klimawandel. Putins Krieg gegen die Ukraine verstärkt die Bedrohung der fragilen Ordnung in diesen autoritär regierten Staaten.

Eine Disintegration Russlands oder ein rachsüchtiges gedemütigendes Russland könnte zur Exekution einer solchen Hungerpolitik führen, wo Exporte von Nahrungsmitteln unterbunden werden. Gewollt oder ungewollt aufgrund eines wirtschaftlichen Chaos. Russland könnte auch zu so einer Politik motiviert werden, weil hunderte Milliarden schwere russische Rücklagen im Westen wohl für den Wideraufbau in der Ukraine konfisziert werden könnten. Womit Auslandsgeschäfte in Fremdwährungen für Russland stetig mit der Gefahr der Konfiskation verbunden wären.

Fazit

Eine massive Kriegsniederlage Russlands mag im Interesse des Westens sein, ein Kollaps des heutigen Russlands aber keinesfalls. Niemand möchte Bürgerkriege im Kaukasus oder korrupte Provinzpolitiker mit Zugriff auf lokale Nuklearwaffen. Ebensowenig ist der Westen daran interessiert Russland noch stärker dem zunehmend revisionistischen China auszuliefern. Man wird also weiterhin an der Vereitelung russischer Pläne arbeiten und hoffen das Putin dies eines Tages politisch nicht überlebt und seinen Platz für einen Nachfolger räumen muss. Mit welchem der Status der Ukraine dann fixiert und der Krieg nach 8 Jahren beendet werden könnte.

Putins persönliches Schicksal ist bis dato natürlich ungewiss. Sicher ist nur das er einst 2012 Medwedew als zu schwach einschätzte und daher selbst wieder die Regierungsagenden übernahm. Sein politischer Rückzug ist eine Frage geopolitischer wie nationaler russischer Bedeutung. Wird Putin um seine Macht im Falle des Falles kämpfen oder rechtzeitig einen Machttransfer vornehmen? So ist übrigens Putin selbst einst mit Gorbatschow und dessen Clan handelseins geworden: Für die Übergabe der politischen Macht 1999 wurde dessen Familie und Gorbatschow selbst vor jedweder krimineller Verfolgung von Putin geschützt.

Russland wird also als Gegengewicht zum politischen Islam im Kaukasus und Zentralasien sowie zu China geopolitisch gebraucht. Der Westen würde seinen Niedergang zwar geopolitisch wohl verdauen können, aber für die europäischen Völker wäre es insgesamt ein enormer Verlust an wertvollen Ressourcen, Stabilität an den Grenzen und ein unabsehbarer Strudel von mittelbaren Gefahren ausgehend von lokalen Separatisten, Terroristen und Islamisten. Russland ist schließlich ein Land mit tausenden Atomsprengköpfen und mit vielen Atomkraftwerken und anderen sensiblen nuklearen Einrichtungnen.

Links & Quellen

https://www.planet-wissen.de/kultur/osteuropa/georgien/pwiederkaukasuskonfliktursachenundhintergruende100.html

https://www.wissen.de/lexikon/mandschurei

Burkhard Bsichof: Der Krieg in der Ukraine und der Hunger in der Welt. In: „Die Presse“ vom 11.04.2022: S. 22f.

https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/kasachstan-nasarbajew-meldet-sich-mit-videoansprache-zurueck-17737742.html