
Es gibt Milliardärssöhne, deren Lebensleistung darin besteht, das väterliche Vermögen möglichst geräuschlos auf eine Jacht, einen Privatjet und eine Familienholding zu verteilen. Und dann gibt es Männer wie Howard Graham Buffett. Der Sohn des legendären Investors Warren Buffett hätte wohl jedes erdenkliche Leben führen können. Stattdessen fuhr er Bulldozer, pflügte Maisfelder, jagte als Hilfssheriff Drogendealern und Kartellen hinterher, fotografierte Elefanten und Menschen in Kriegsgebieten, bewegte sich mitten im kongolesischen Bürgerkriegsgebiet und stand später im ukrainischen Bakhmut, während russische Artillerie einschlug. Nun, mit 71 Jahren, hat dieser Mann auch noch den Vorsitz von Berkshire Hathaway übernommen – jenem gewaltigen amerikanischen Unternehmenskonglomerat, das sein Vater Warren Buffet über sechs Jahrzehnte geprägt hat. Sein Leben wirkt also fast wie das erfundene Drehbuch eines amerikanischen Abenteuerfilms, nur dass die einzelnen Kapitel tatsächlich stattgefunden haben.
Gerade deshalb ist die Lebensgeschichte des Howard Buffett wesentlich interessanter als die übliche Geschichte vom reichen Erben aus guter Familie. Sein Vater hinterlässt ihm zudem keineswegs einfach den Schlüssel zum Geldspeicher Berkshire Hathaway. Das operative Geschäft von Berkshire führt CEO Greg Abel und Sohn Howard Buffet soll etwas anderes bewahren: eine Unternehmenskultur, die auf Dezentralität, langfristigem Denken und einer fast altmodisch wirkenden Vorstellung von Anstand beruht. Dass Warren Buffett dafür ausgerechnet jenen Sohn auswählte, der drei Hochschulen ohne Abschluss verließ, lieber Traktoren als Bloomberg-Finanzterminals bediente und zeitweise selbst (!) mit Pistole und Polizeimarke quer durch Illinois fuhr, ist die vielleicht die kurioseste Pointe dieser amerikanischen Familiensaga. Es erzählt zugleich eine Geschichte, die in unserer europäischen Vollkaskogesellschaft zunehmend exotisch wirkt: Privileg kann entweder zur Hängematte werden – oder zur Verpflichtung. Howard Buffett entschied sich offenkundig für Letzteres.
Greg wird die Firma führen, Howard wird ihre Kultur und ihre Werte bewahren!
Warren Buffett, Brief an die Berkshire-Aktionäre vom 18. September 2026. https://www.berkshirehathaway.com/news/sep1826.pdf?ftag=MSFd61514f&

Der Milliardärssohn, der lieber Bulldozer fuhr
Howard Graham Buffett wurde 1954 in Omaha als eines von drei Kinder von Warren Buffet geboren. Wer nun aber eine privilegierte Kindheit zwischen Chauffeur, Internat und Familienvermögen erwartet, liegt weit daneben. Howard selbst schilderte später, dass sein Vater damals noch keineswegs jene öffentliche Figur war, als die ihn heute die ganze Welt kennt. Die drei Kinder gingen alle auf öffentliche Schulen und man ließ den eigenen Reichtum nicht hervortreten. Man wusste natürlich, dass der Vater mit Wertpapieren arbeitete, aber selbst innerhalb der Familie scheint lange nicht klar gewesen zu sein, welche Vermögensmaschine Warren Buffett da gerade zusammenbaute. Seine drei Kinder bekamen jedenfalls keine Ausbildung zum Müßiggang finanziert. Howard Buffet begann mehrere Studien, brach sie ab und fand seine Leidenschaft dann dort, wo akademische Karrieren üblicherweise eher nicht enden: Im Schmutz auf dem Feld.
Er kaufte sich einen Bulldozer, baute Terrassen auf landwirtschaftlichen Flächen, entfernte Bäume, grub Fundamente aus und fand dann über Bauern aus der Nachbarschaft den Weg zur Landwirtschaft. Warren Buffett unterstützte seinen Sohn dabei durchaus – aber auf Buffett-Art. Buffet Senior kaufte Land und ließ Howard dafür dann Miete bezahlen. Der berühmte Investor koppelte die Miete laut CBS kurioserweise zeitweise an das Körpergewicht seines Sohnes: Wenn Howard dicker und schwerer wurde, wurde mehr Miete fällig. Das war natürlich Wild-West-Pädagogik nach Buffets Omahaer Art. Sohn Howard jedenfalls blieb bei Mais, Soja und schweren Maschinen hängen. Später bewirtschaftete er selbst noch größere Flächen und baute sogar Versuchsfarmen auf, auf denen Methoden für eine produktivere und bodenschonendere Landwirtschaft getestet wurden.
Es fiel mir schwer mich auf dem College einzufügen und deshalb gab ich es auf und kaufte mir einen Bulldozer!
Howard G. Buffett über seinen ungewöhnlichen Berufsstart gegenüber PBS: https://www.pbs.org/newshour/show/how-farmer-philanthropist-howard-buffett-is-planting-hope-in-africa
Man kann diese Geschichte leicht als schrullige Anekdote eines reichen Amerikaners abtun. Tatsächlich steckt darin aber ein Lebensprinzip: Howard Buffett suchte offensichtlich nie nach jener Tätigkeit, die seinem Nachnamen angemessen erschien. Er suchte stets nach einer Aufgabe, die ihn besonders interessierte. Das Ergebnis war keine stromlinienförmige Karriere, sondern ein Lebenslauf, bei dem jeder Personalberater nervös würde: Landwirtschaft, Maschinenbau, Unternehmensvorstände, Kommunalpolitik, Fotografie, Naturschutz, Entwicklungshilfe und schließlich Polizei. Er saß zwar unter anderem in den Verwaltungsräten von Coca-Cola, Archer Daniels Midland und ConAgra und gehört seit 1993 dem Berkshire-Board an. Das Entscheidende an seiner Biographie aber sind seine „Nebentätigkeiten“: Der Mann bewegte sich nämlich immer wieder bewusst aus jener Wirtschafts- und Milliardärswelt hinaus, in der sein Name sämtliche Türen automatisch geöffnet hätte.
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Ein Buffett mit Pistole und Sheriffstern
Einen kuriosen Abstecher nahm diese Biografie etwa, als Howard Buffett im mittleren Alter begann, sich ernsthaft für Polizeiarbeit zu interessieren. Im Macon County im US-Bundesstaat Illinois arbeitete er zunächst jahrelang als freiwilliger Hilfspolizist. Er absolvierte dafür eine Ausbildung, fuhr Streife und beschäftigte sich mit Drogenkriminalität, häuslicher Gewalt und jenem sozialen Elend, das in den Hochglanzbroschüren des amerikanischen Traums selten vorkommt. 2017 wurde er schließlich Sheriff des Countys und blieb bis Ende 2018 im Amt. Insgesamt war Buffett nach Angaben des German Marshall Fund rund zehn Jahre im Bereich der Strafverfolgung tätig. Er spendete dabei auch viel Geld für Einsatzfahrzeuge und unterstützte mehrere Sheriffsdepartments in den USA.
Für einen Mann mit Zugang zu einem der größten Familienvermögen der Welt ist das eine bemerkenswerte Milieustudie. Buffett erklärte später, die Polizeiarbeit habe ihm eine Seite Amerikas gezeigt, von deren Ausmaß er zuvor nichts gewusst habe: Armut, Drogenabhängigkeit, häusliche Gewalt und gesellschaftlicher Zerfall. Gerade dieses Motiv zieht sich auch durch sein späteres Engagement an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Dort beschäftigte er sich nicht nur theoretisch mit illegaler Migration und Drogenschmuggel, sondern arbeitete mit lokalen Behörden zusammen und fuhr offenbar selbst Patroullie gemeinsam mit Polizisten an der Grenze. Die „Los Angeles Times“ berichtete sogar, mutmaßliche Drogenschmuggler hätten ihn einmal verfolgt und sein Kennzeichen notiert. Das ganze war somit eine weitere ziemlich ungewöhnliche Beschäftigung für den Sohn des Milliardärs Warren Buffett.
Durch meine Tätigkeit als Hilfssheriff habe ich […] eine ganze Schattenseite dieses Landes kennengelernt, von deren Existenz ich zuvor keine Ahnung hatte.
Howard G. Buffett über seine Polizeiarbeit: https://www.pbs.org/newshour/show/how-farmer-philanthropist-howard-buffett-is-planting-hope-in-africa
Natürlich lässt sich über Buffetts Engagement an der Grenze aber auch streiten. Seine Stiftung finanzierte Projekte und Ausrüstung für Sicherheitsbehörden und Kritiker warfen ihm dabei zeitweise vor, privaten Reichtum mit staatlicher Sicherheitsarbeit zu vermengen. Buffet tat das aber aus Bürgerpflicht heraus und nicht um sich notwendigerweise Einfluss zu erkaufen! Genau wegen solcher Aktionen ist sein Lebenslauf so ungewöhnlich: Buffett blieb nicht beim komfortablen philanthropischen Modell des reichen Scheckausstellers, der auf Galas über Probleme spricht, die andere aus nächster Nähe erleben. Er wollte selbst sehen, wie Armut, Kriminalität und staatliche Verbrechensbekämpfung aussehen. Diese beinahe obsessive Lust am Augenschein sollte ihn später dann noch an wesentlich gefährlichere Orte führen.
Von Orang-Utans zu afrikanischen Milizen: Der Fotograf wird globaler Philanthrop
Ursprünglich galt Buffetts Leidenschaft auch der Naturfotografie und dem Artenschutz. Er reiste um die Welt, fotografierte Wildtiere und beschäftigte sich mit bedrohten Lebensräumen. Dann aber machte er eine Erfahrung, welche seine Ansichten über die Entwicklungshilfe radikal veränderten. Im Umfeld afrikanischer Naturschutzprojekte wurde ihm sinngemäß vor Augen geführt, dass bitterarme Menschen keinen Wald und keine Wildtiere schützen werden, wenn ihre Familien parallel dazu hungern. Im ugandischen Bwindi-Gebiet bemerkte Buffett nach späteren Schilderungen, wie die agrarische Nutzung des Landes praktisch exakt an der Grenze des Nationalparks endete. Für lokale Menschen, deren Überleben vom nächsten Sack Mais abhängt, war diese Art von westlicher Naturschutzromantik somit ein gewisses Problem.
Aus dem Tierfotografen wurde damit zunehmend auch ein praktischer Entwicklungshelfer. Seine Stiftung konzentrierte sich auf Ernährungssicherheit, Landwirtschaft, Konfliktprävention und später auch Menschenhandel und öffentliche Sicherheit. Im instabilen Osten der Demokratischen Republik Kongo finanzierte sie Projekte rund um den Virunga-Nationalpark und setzte bewusst nicht auf das klassische Entwicklungsrezept, zuerst auf Frieden zu warten und danach zu investieren. Buffetts Ansatz war umgekehrt: Infrastruktur, Arbeit und wirtschaftliche Perspektiven sollten selbst einen Beitrag zur Stabilisierung leisten. Dazu gehörten Wasserkraftwerke, landwirtschaftliche Projekte und Maßnahmen gegen Wilderei, deren Erlöse bewaffnete kriminelle Gruppen finanzierten, die den Menschen Instabilität, Kriminalität und Terror brachten.
Diese neue Leidenschaft des Howard Buffet spielte sich dann auch keineswegs in gemütlichen Konferenzräumen ab: Buffett bereiste inzwischen nach Angaben seiner Stiftung 156 Länder. Der „Independent“ begleitete ihn etwa 2010 durch den Kongo – in einem Konvoi, dessen erstes Fahrzeug mit bewaffneten Männern besetzt war. Genau darin liegt der spannende Unterschied zwischen Howard Buffett und der üblichen Milliardärsphilanthropie: Man muss seine Projekte nicht kritiklos bewundern, aber dieser Mann scheint einen ausgeprägten Willen zu haben, sich die Welt nicht von PowerPoint-Folien erklären zu lassen. Er will selbst hinfahren, mit den lokalen Bauern sprechen und Probleme persönlich wahrnehmen. Er will dabei auch Natur fotografieren und offenbar ist ihm dabei relativ egal, wenn auf der anderen Seite der Straße ein Maisfeld, ein Wilderer oder eine bewaffnete Miliz auf ihn wartet.
Bakhmut statt Davos
Diese Haltung führte Howard Buffett nach dem russischen Großangriff 2022 auch in die Ukraine. Schon wenige Wochen nach Beginn der Invasion reiste er erstmals ins Land. Aus einem Besuch wurden immer weitere Reisen. Die eigene Stiftung spricht inzwischen von 24 Ukraine-Reisen zwischen 2022 und 2026. Buffett fotografierte Bucha, Charkiw, Sumy, Cherson, Wuhledar, Slowjansk und Bakhmut. In einem eigenen Bericht schilderte er den nahezu permanenten Donner der Artillerie an der Front. Seine Fotografien dokumentieren zerstörte Städte, Soldaten, Familien und Zivilisten, die zwischen Ruinen weiterleben.
Parallel dazu wurde seine Stiftung zu einem außergewöhnlich großen privaten Geldgeber. Nach aktuellen Angaben von „Barron’s“ hat sie seit 2022 rund 1,1 Milliarden Dollar für die Ukraine bereitgestellt. Gefördert wurden unter anderem Landwirtschaft, humanitäre Versorgung und Wiederaufbauprojekte. 2024 zeichnete Präsident Wolodymyr Selenskyj Buffett als „Nationale Legende der Ukraine“ aus! In der Ukraine wurde aus dem schrulligen Farmer und Teilzeit-Polizisten dann endgültig eine Figur von geopolitischer Dimension: Ein Privatmann aus Illinois verfügt über die finanziellen Mittel, in einem europäischen Krieg Hilfsprogramme im einstelligen Milliardenbereich aufzubauen – und reist gleichzeitig selbst immer wieder in das Land, dessen Projekte er finanziert.
Nun folgt die vielleicht absurdeste Wendung dieser Biografie. Am 18. September 2026 erklärte der mittlerweile 96-jährige Warren Buffett, nach mehr als sechs Jahrzehnten den Vorsitz von Berkshire Hathaway abzugeben. Howard wurde vom Verwaltungsrat zum Chairman gewählt. Das Unternehmen wird auf rund 1,1 Billionen Dollar bewertet und besitzt oder kontrolliert Unternehmen aus Versicherungen, Eisenbahn, Energie, Industrie, Handel und zahlreichen weiteren Branchen.
Fazit
Howard Buffett ist nicht deshalb bemerkenswert, weil er der Sohn eines berühmten Milliardärs ist. Bemerkenswert ist, wie wenig sein Leben dem entspricht, was man von einem solchen Sohn erwarten würde: Drei abgebrochene Universitätsstudien, ein Karrierestart mit Bulldozer, Mais und Soja, ein Leben geprägt von Fotokameras, einer Polizeiuniform, von Reisen in afrikanische Konfliktregionen und schließlich eine Episode im Ukrainekrieg – ehe mit 71 Jahren der Vorsitz eines der wertvollsten Unternehmensimperien der Welt folgt. Sein Lebenslauf ist somit keine Gerade, sondern ein geradezu absurder hollywoodesker Zickzackkurs durch die Wirklichkeit. Und genau daraus kann man als Europäer eine wichtige Botschaft entnehmen: Wohlstand muss Menschen nicht zwangsläufig verderben oder verweichlichen. Entscheidend ist immer, ob ein Vermögen als Freibrief zum Nichtstun verstanden wird oder als Möglichkeit, wichtige Dinge zu tun, zu denen andere ärmere Menschen weder Zeit noch finanzielle Mittel haben.
In Europa sollten wir gerade diesen Aspekt aufmerksam betrachten. Wir debattieren gerne endlos darüber, wie viel gesellschaftliche Verantwortung der Staat übernehmen soll, während persönliche Verantwortung immer häufiger an Institutionen ausgelagert wird. Howard Buffett verkörpert hier nahezu das Gegenmodell. Er hatte jedes denkbare Sicherheitsnetz und suchte sich dennoch gerne Tätigkeiten aus, bei denen Scheitern, Risiko und unmittelbare Konsequenzen real waren. Er verwendete dann in der Folge sein Geld, um die Dinge dort etwas zum Besseren zu entwickeln! Man muss daher als Beobachter weder seine politischen Ansichten noch jedes Projekt seiner Stiftung besonders gut finden, seine Engagement alleine demonstriert uns heute die bemerkenswerte Haltung eines Menschen. Warren Buffett hat über Jahrzehnte ein ungeheures Vermögen geschaffen. Sein Sohn Howard scheint hingegen vor allem stets versucht zu haben, daraus keine Entschuldigung für ein bequemes Leben werden zu lassen. Vielleicht ist auch genau das der Grund, warum der alte Buffett ihm am Ende einen wichtigen Teil seines geschäftlichen Erbes anvertraute.
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Links & Quellen
https://www.cbsnews.com/news/howard-buffett-farming-and-finance-11-12-2011
https://www.berkshirehathaway.com/news/sep1826.pdf
https://www.gmfus.org/find-experts/howard-g-buffett
https://www.theguardian.com/artanddesign/2020/nov/23/congo-in-conversation-a-collaborative-chronicle
https://www.barrons.com/articles/howard-buffett-warren-buffett-berkshire-hathaway-chairman-6edadfbe
