Geschichtsmythen widerlegt: Vom „finsteren Mittelalter“ zur vermeintlichen „Blüte des Islam“!

Islam und Morgenland versus Abendland

Sie gehört zu den politisch korrekten Legenden des modernen westlichen Bildungsbürgertums: Während Europa angeblich im Schlamm des „finsteren Mittelalters“ versank, hätten der Islam in Wissenschaft, Mathematik und Medizin eine glänzende Hochkultur im Morgenland hervorgebracht. Diese Erzählung wird in Schulbüchern, Feuilletons und interreligiösen Dialogrunden immer wieder wiederholt und befeuert die These, dass jede Kultur irgendwann Großes hervorbringen würde. Tenor: Jede Kultur sei irgendwie wertvoll! Der christliche Mönch erscheint in dieser historischen Legende heute als stumpfer Kerzenanzünder in einer kalten finsteren abendländischen Klosterzelle, der muslimische Gelehrte derweil hingegen als lichterfüllter Universalgelehrter unter den Kuppeln Bagdads und Corodobas. Es ist eine schöne Geschichte, die viele kennen. Leider aber ist sie in dieser Form falsch und ein Mythos. Die Innovationen fanden nämlich auf einem kulturell fruchtbaren römischen und hellenistischen Boden zu einer Zeit statt, als die islamische Herrschaft noch nicht jener monolithische Block war als der sie heute wirkt! Es waren vielfach nämlich christliche und persische Innovationen unter islamischer Flagge.

Die „arabischen Zahlen“ stammen aus dem Indien des 6. und 7. Jahrhunderts nach Christus!

https://www.britannica.com/topic/Hindu-Arabic-numerals

Die Wahrheit ist für überlegenheitsbewusste Muslime also unbequemer und politisch für Advokaten von wechselseitig wertvollen Kulturen weniger verwertbar. Vieles, das heute als „islamische Wissenschaft“ verkauft wird, entstand durch Nichtmuslime (!) in einem islamischen Imperium, welches das Wissen anderer Kulturen wohl aus einer machtpolitischen Notwendigkeit heraus prosperieren ließ. Das ist natürlich erstmals nicht nichts und zeugt von einer aufgeklärten Herrschaft. Aber es ist etwas anderes als die moralisch aufgeladene Behauptung, der Islam selbst sei irgendwann innovativ gewesen, während das Christentum in der Finsternis verharrte. Die frühe „Blüte des Islam“ war in hohem Maß eine Blüte jener nichtislamischen (!) vielfach christlichen Völker, Sprachen und Traditionen, die unter islamische Herrschaft geraten waren: Perser, Syrer, Griechen, Juden, Christen, Sabier, Inder. Die Innovationen wurden also vielfach VOR der Islamisierung der breiten Bevölkerung erschaffen und entstanden durch unterworfene nichtarabische Völker. Das ist auch wenig verwunderlich: Der arabische Raum war im Vergleich zu Ägypten, Syrien und dem Zweistromland oder Persien ein kulturell rückständiges Gebiet von Nomaden. Die Hauptstadt des ersten großen islamischen Kalifats wurde deshalb auch ins damals hochmoderne christliche Syrien verlegt: Damaskus.

Aufgrund dessen müsste man korrekterweise eher von einer neorömischen und neopersischen Renaissance bzw. einem Kulturfortbestand von römisch-hellenistischen Innovationen unter arabischer Oberherrschaft sprechen. Diese großartige Entfaltung und die vermeintliche Toleranz der neuen Regierenden war für die neuen Herren selbst alternativlos, weil überlebenswichtig, stellten sie doch anfangs nur eine kleine militärische Minderheit abseits der arabischen Halbinsel. In Ägypten war etwa noch im 11. Jahrhundert – also 400 Jahre NACH der Eroberung – eine Mehrheit der Bevölkerung christlich! Der Irak hatte wie Syrien eine starke christliche Tradition und diese kulturelle Blüte endete dann interessanterweise sukzessive mit der erfolgreichen Islamisierung weiterer Teile der Bevölkerung. Plötzlich konnten die Herrscher es sich leisten, religiös weniger tolerant sein, weil sie schließlich mehr ihrer Untertanen hinter sich wussten. Die Folge war Islamismus und religiöse Intoleranz und später auch wissenschaftliche und kulturelle Stagnation für Jahrhunderte.

Das hellenistisch-römische Erbe des Nahen Ostens etwa in der Pentapolis in Syrien/Jordanien

Die arabische Etikette und der fremde Inhalt

Der Grund der Mythenbildung liegt in einem sprachlichen Taschenspielertrick: Was einst auf Arabisch geschrieben wurde, gilt im populären Bewusstsein rasch als „arabisch“ oder „islamisch“. Dabei war Arabisch im Kalifat vor allem die Sprache der Verwaltung, der Gelehrsamkeit und der Macht. So wie Latein im mittelalterlichen Europa nicht bedeutete, dass jeder lateinisch schreibende Denker ein Römer war, bedeutete Arabisch im Abbasidenreich nicht, dass jede Leistung aus dem islamischen Kulturkreis stammte. Die islamischen Reichen eroberten hochentwickelte Kulturräume: das spätantike Syrien, das persische Sasanidenreich, Ägypten, Nordafrika, Teile Indiens und später Anatolien. Dort lagen griechische, römische und persische Bibliotheken, Schulen, medizinische Traditionen, Verwaltungssysteme und philosophische Debatten längst bereit. Die frühe islamische Herrschaft basierte daher – no na – sehr stark auf nichtarabischen Verwaltungsleuten und auf byzantinischen sowie sassanidischen Praktiken. Auch mittelpersische Texte beeinflussten den Stil der Kalifenherrschaft. Das ist der nüchterne Kern dieser sogenannten „islamischen Blüte“: Ein militärisch erfolgreiches Reich griff auf die Ressourcen der Unterworfenen zurück. Es tat damit, was Imperien immer tun. Rom tat es mit Griechenland. Die Osmanen taten es mit Byzantinern, Armeniern und Griechen. Die Briten taten es in Indien. Nur beim Islam wurde daraus im Westen seltsamerweise plötzlich ein Geschichtsmythos und ein spirituelles Gütesiegel.

Ein besonders aufschlussreiches Beispiel ist Thabit ibn Qurra. Er gilt als einer der bedeutenden Mathematiker, Astronomen und Übersetzer des 9. Jahrhunderts. Doch er war kein Musterbild des frommen islamischen Gelehrten, sondern stammte aus Harran und gehörte zur Gemeinschaft der Sabier. Die Enzyclopedia Britannica nennt ihn einen Vertreter der arabisch-islamischen Kultur, aber seine Herkunft – und fairerweise auch Wikipedia – verweisen darauf, dass er Sabier und eben kein Muslim war. Seine Ahnen waren wie wohl er auch Anhänger alter mesopotamischer Gestirnsreligionen und wurden vom Islam toleriert. Ähnlich verhält es sich mit Hunayn ibn Ishaq, einer Schlüsselfigur der medizinischen und philosophischen Übersetzungsbewegung. Er war ein nestorianischer Christ. Die Britannica hält fest, dass Hunayn in Bagdad Medizin studierte, Griechisch beherrschte und als Hofarzt wirkte.In der gängigen Erzählung verschwindet dieser christliche Hintergrund gern hinter dem Etikett „islamische Medizin“. Das ist bequem, aber irreführend. Ohne syrische Christen, die Griechisch, Syrisch und Arabisch verbanden, wäre ein erheblicher Teil der antiken Medizin gar nicht in jener Form in die arabische Gelehrtenwelt gelangt.

Man muss sich die Ironie unser eigenen westlichen Geschichtsschreibung und Erzählung deshalb auf der Zunge zergehen lassen: Ausgerechnet christliche, sabische und persische Gelehrte, deren Traditionen aus der spätantiken römisch-griechischen-persischen Welt stammten, werden heute unbewusst herangezogen, um die angebliche geistige Überlegenheit des Islam gegenüber dem christlichen Europa im Mittelalter zu beweisen. Dazu wird eine Toleranz gefeiert, die für die frühen Muslime als reines Machtmittel bitter notwendig war: Als kleine Minderheit von Invasoren kann man nicht intolerant eine fremde Mehrheit von Anfang an unterwerfen und unterdrücken. Kritisch mit der Toleranz wird es im Islam bekanntermaßen immer erst dann, wenn Muslime die klare Mehrheit einer Bevölkerung stellen.

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Bagdad war kein Wunder, sondern ein Umschlagplatz

Natürlich gab es in Bagdad, Kairo, Córdoba oder Damaskus beeindruckende Zentren der Gelehrsamkeit. Wer das leugnet, macht den gleichen einseitigen Fehler wie jene, die aus der Erzählung einen reinen islamischen Schöpfungsmythos basteln. Die Abbasidenzeit war eine Epoche intensiver Übersetzungen, Debatten und wissenschaftlicher Arbeit. Doch gerade die Übersetzungsbewegung zeigt den wahren Charakter dieser Kultur: Sie lebte von der Aneignung griechischer, persischer und indischer Bestände. Die islamische Welt war in dieser Phase kein kultureller Fels, sondern ein großer Umschlagplatz des bekannten und neu erworbenen antikens Wissens, aber eben kein isolierter Urquell. Das sieht man auch an der geographischen Lage: Damaskus, die Hauptstadt der Umayyaden-Dynastie, lag mitten in der griechisch-aramäischen Dekapolis, einem reichen urbanen Gebiet das Alexander der Große nach griechisch-europäischem Vorbild hatte errichten lassen. Die Abbasiden wechselten dann den Regierungssitz gen Bagdad und bauten dort auf den persisch-sassanidischen politischen Traditionen garniert mit einem ebenso starken Christentum im Zweistromland des antiken Irak auf.

Die „islamische Blüte“ war daher eher ein imperiales Sammelbecken vieler Kulturen. Ihre Stärke lag in Übersetzung, Patronage, städtischer Konzentration und der zeitweiligen Offenheit (sic!) gegenüber nichtmuslimischen Experten. Ihre Schwäche lag darin, dass diese Offenheit nicht selbstverständlich aus der religiösen Doktrin erwuchs, sondern mehr aus politischen und praktischen Bedürfnissen eines Reiches. Als diese Bedürfnisse, diese Vielfalt und diese Konkurrenzmilieus schwächer wurden, verengte sich auch der geistige Raum. Interessanterweise sind teilweise auch die Kreuzzüge auf die zunehmende intolerante Islamisierung des Nahen Ostens zurückzuführen. Sie waren tatsächlich eine direkte Reaktion des christlichen Europas darauf. Die Päpste wurden nämlich nicht nur (!) durch byzantinische Hilfeansuchen motiviert einen Kreuzzug auszurufen, sondern auch dadurch das intolerante islamische Regierungen schon Jahre davor die Pilgerfahrt von Christen gen Jerusalem teilweise verboten oder beschränkt hatten. Aus einer religiösen Intoleranz heraus und aus frühen Islamisierungskampagnen. Wäre es mit der Toleranz in der Levante für die christlichen Pilgerfahrten anders gewesen, wären die Kreuzzüge in dieser Form vielleicht gar nicht entstanden.

Bagdad, Symbolbild

Der Mythos vom christlichen Dunkel

Parallel dazu wird Europa gern als geistige Wüstenei dargestellt. Das Mittelalter gilt in der populären Rede als finster, rückständig und von Barbaren und Priestern geknebelt. Doch auch dieser Begriff ist selbst Teil einer späteren Kampferzählung. Moderne Historiker verwenden das Wort „Dark Ages“ (aka Finsteres Mittelalter) längst deutlich vorsichtiger. Mittlerweile gilt der Ausdruck in der Fachwelt weitgehend als problematisch oder überholt, wenn er pauschal auf das gesamte Mittelalter angewandt wird. Grund ist wohl auch gewissermaßen Marketing: Die Aufklärung hat später ein starkes Interesse daran gehabt, diese Herkunft zu verdunkeln. Sie brauchte das Mittelalter als Negativfolie, um sich selbst als Befreiung der Menschheit zu inszenieren. Der Mönch musste zum Feind des Denkens werden, damit der Philosoph des 18. Jahrhunderts als Erlöser auftreten konnte. Das war politisch nützlich, aber historisch schief. Die Aufklärung übertrieb ihren eigenen Drachen quasi als Gegner, um anschließend umso heldenhafter gegen ihn anzukämpfen.

Jüngste historische Recherche hat quasi jeden Mythos wissenschaftlicher Stagnation im Mittelalter widerlegen können!

https://time.com/5911003/middle-ages-myths

Das hat gute Gründe. Das Mittelalter war nicht die Abwesenheit von Kultur, sondern eine andere Form von Kultur. Es brachte innovative Dinge wie Klöster, Handschriften, Scholastik, Rechtsentwicklung, Städtewesen, Universitäten, Romanik und Gotik im nichtrömischen lange „barbarischen“ Europa (Mitteleuropa, Osteuropa, Skandinavien,…) hervor. Die gotische Architektur, die vom 12. bis in das 16. Jahrhundert Europa prägte, gehört etwa zu den größten Bauleistungen der Weltgeschichte. Das nichtrömische Germanien wurde im „finsteren“ Mittelalter zivilisiert, wirtschaftlich erschlossen und Städte wie Hamburg, Bremen und Lübeck enstanden, wo Jahrtausende nur Fischerdörfer existierten. Auch Osteuropa wechselte von einem Sklavenjagdtgebiet ohne Städte (das Wort Slawen kommt von Sklaven) in jener Zeit zu einer gewissen Urbanität, die sich im polnischen Königtum etwa in Krakau oder im Reich der Rus um Kiew kulturell enorm ausdrückte. Freilich gab es aber auch viele antike einst römische reichere Regionen an Rhein und Donau, die aufgrund der Völkerwanderung im 5. und 6. Jahrhundert verwüstet wurden und die zivilisatorisch zurückfielen! Anderswo blühte Europa aber weiter (Italien, Spanien) oder zivilisatorisch gar erstmals überhaupt auf (Nord-, Mittel-, Osteuropa).

Das erste deutsche Kaiserreich – das Heilige Römische Reich deutscher Nation – war zu römischer Zeit in seinem germanischem Kerngebiet eine Ansammlung wilder Stämme ohne auch nur eine größere Stadt mit maximal Streusiedlungen von Bauern. Im 12. Jahrhundert regierten die Stauferkaiser dann ein geeintes Reich mit hunderten blühenden Städten von Sizilien bis Dänemark und Pommern. Bürger erkämpften sich in Stadtrechten Privilegien gegen feudale Herren und erzeugten die wirtschaftliche Basis für den Aufstieg der modernen Weltwirtschaft. Das frühe Bankwesen ist eine italienische Erfindung eben jener Zeit und die Blüte der Renaissance ist ohne die Vorarbeit des Mittelalters undenkbar. Das „finstere“ Mittelalter baute zudem enorme Kathedralen, die noch heute ganze Städte überragen. Es schuf Stein gewordene Theologie, technische Kühnheit und ästhetische Ordnung. Eine Epoche, die solche Bauwerke errichtet, war also weder dumm und finster. Sie war vielleicht etwas zu fromm, hierarchisch, oft brutal und gewiss nicht liberal im römisch-griechischen Sinne. Aber sie war jedenfalls nicht geistlos.

Europa entwickelte seine Wissenschaft nicht trotz, sondern auch innerhalb christlicher Institutionen. Klöster bewahrten Texte. Domschulen und Universitäten ordneten Wissen. Die Scholastik zwang den Glauben, sich mit der Vernunft auseinanderzusetzen. Das war nicht immer frei, nicht immer mutig, nicht immer erfolgreich. Aber es war eine institutionelle Form der intellektuellen Disziplin. Die Universität – siehe Bologna als älteste Universität der Welt – ist keine Erfindung des Kalifats, sondern eine spezifisch europäische Schöpfung des Hochmittelalters. Bologna, Paris, Oxford und später Wien stehen für eine akademisch-wissenschaftliche Ordnung ersten kulturellen Ranges, in der Argument, Autorität, Kommentar und Disput institutionalisiert wurden.

Als der Islam islamischer und einheitlicher wurde, wurde er enger!

Eine interessante weitere Frage lautet nun: Warum versiegte die vielbeschworene so genannte islamische Blütezeit? Die Antwort darauf ist nicht monokausal, denn es gab den Mongolensturm mit der Zerstörung Bagdads 1258, politische Zersplitterung, ökonomische Verschiebungen, innere Machtkämpfe und auch spätere geopolitische Schwächen spielten allesamt eine Rolle. Die mongolische Zerstörung Bagdads führte etwa zum Ende des Kalifats als funktionierende politische Institution. Dazu kam der unschätzbare Verlust an antiken Wissens, dass in Bagdad vernichtet wurde, nachdem es die Kalifen in Form von Manuskripten von überall im Nahen Osten dorthin zusammengetragen hatten. Seriöse Geschichtsschreibung darf diese Faktoren nicht unterschlagen.

Aber ebenso wenig darf man die religiös-kulturelle Verengung infolge der Islamisierung tabuisieren. Die frühe Blüte lebte stark von nichtmuslimischen, nichtarabischen und spätantiken Quellen und wissenschaftlichen Akteuren. Sie lebte von Übersetzern, Minderheiten, Grenzgängern und dem noch nicht vollständig islamisierten Erbe eroberter Kulturräume. Je stärker diese Milieus aber im Zuge der Islamisierung verschwanden, marginalisiert und homogenisiert wurden oder ihre Freiheit und Eigenständigkeit zu handeln sukkzessive verloren, desto stärker schrumpfte auch jener Pluralismus, der so fruchtbar war. Der Islam konnte erobern, ordnen und integrieren. Doch dort, wo religiöse Orthodoxie sich durchsetzte, wurde aus Gelehrsamkeit zunehmend Stagnation, aus Forschung und Widerspruch mehr Traditionspflege und aus wissenschaftlicher Neugier ein Verdacht INstabilität zu sähen. Es fiel den frühen muslimischen Herrschern also leicht die Praktiken der Unterworfenen zu tolerieren, aber sobald ausreichend viele Bürger zum Islam konvertiert wurden, begann man Intoleranz einzusetzen um gleich möglichst alle auf Linie zu bringen. Damit einher geht immer ein Verlust an Kultur, Diskurs und an wertvollem Erbe.

Das bedeutet freilich nicht, dass nach dem 14. Jahrhundert in der islamischen Welt gar nichts mehr groß und innovativ gedacht wurde und nicht weiter Innovationen entstanden. Neuere Forschung betont zu Recht, dass etwa in der Astronomie und anderen Bereichen auch später bedeutende Leistungen im Islam aus den alten Denkschulen entstanden. Aber der große historische Befund bleibt: Die wissenschaftliche Revolution, die moderne Universität, die industrielle Technik und die systematische Naturwissenschaft entstanden nicht in Kairo, Damaskus oder Istanbul, sondern im christlich geprägten Europa. Das ist kein Zufall sondern eine Kontinuität einer abendländischen 3000 Jahre alten Kultur und ist nicht zu leugnen.

Die Pointe ist hier also nicht, dass die islamische Welt nichts geleistet hätte. Innovationen existieren durchaus, aber sie entstanden nicht im luftlehren Raum und oft nicht durch Muslime. Die Pointe ist, dass muslimische Leistungen in der politischen Mythologie des Westens aus kultureller Rücksichtnahme und Verklärung noch immer falsch etikettiert werden. Aus einem vielvölkischen, vielsprachigen, oft von Minderheiten getragenen Gelehrtenmilieu wird eine religiöse Erfolgsgeschichte des Islam gezimmert. Dabei hat vielfach eher die Schwäche der islamischen Herrschaft die Grundlage für Innovationen gelegt. Die Intoleranz byzantinischer und persischer Verwaltungen war da hinderlicher. Gleichzeitig wird das christliche Mittelalter, das Europas institutionelle Grundlagen schuf, zur dunklen Höhle erklärt. So entsteht eine doppelte Lüge: Der Islam wird ohne Grund romantisiert, und Europas Zivilisierung im Mittelalter wird als rückständig verleumdet.

Diese falsche Erzählung passt perfekt in unsere Gegenwart. Ein Europa, das sich seiner eigenen Herkunft schämt, sucht fremde Glanzbilder, um die eigene Geschichte kleiner und jene der anderen größer zu machen. Der Islam erscheint dann nicht mehr als reale gefährliche unterdrückerische historische Macht mit Eroberungen, Unterwerfungen, inneren Widersprüchen und zivilisatorischen Grenzen, sondern als pädagogisches Gegenbild zum angeblich bornierten Christentum. Das ist die Voodoo-Geschichtspolitik einer westlichen Zivilisation, die ihre eigenen Kathedralen nicht mehr versteht, aber jeden arabischen Sternnamen für einen Beweis alter orientalischer Überlegenheit hält.

Fazit

Der Mythos vom finsteren Mittelalter und der strahlenden Blüte des Islam ist keine harmlose Vereinfachung. Er ist sowohl ignorant wie auch eine politisch gefärbte Erzählung. Diese soll Europa in seinem Bekenntnis kultureller Überlegenheit offensichtlich etwas demütig machen und den Islam historisch zumindest etwas aufwerten. Doch die Quellen erzählen hier eine diversere und differenziertere Geschichte. Die sogenannten arabischen Zahlen kamen aus Indien. Zentrale Übersetzer und Ärzte waren Christen. Bedeutende Mathematiker stammten aus religiösen Minderheiten. Verwaltungsgenies waren sassanidische Perser. Die islamischen Reiche schöpften also aus den Beständen jener Kulturen, die sie erobert hatten. Ihre Blüte war real, aber sie war eben keine rein islamische Schöpfung. Sie war ein imperiales Zwischenprodukt, gespeist aus fremdem Erbe, administrativer Macht und zeitweiliger kultureller Durchlässigkeit. Sobald islamistische Intoleranz an Raum gewann, endete nämlich diese Blüte sukzessive über die Jahrhunderte. Das bildete sich etwa noch Jahrhunderte später wirtschaftlich ab: Das große osmanische Reich lebte wirtschaftlich primär vom europäischen Balkan und von Griechenland, wo „Ungläubige“ ihre Sondersteuern gen Instanbul abliefern mussten. Die alten reichen römischen Regionen der antiken Welt – Syrien, Kleinasien, Ägypten – spielten wirtschaftlich keine Rolle mehr.

Europa hingegen war im Mittelalter nicht nur finster und rückständig, sondern es erlebte neben Rückschritten auch sehr viel Licht und Fortschritt. Es baute Kathedralen, gründete Universitäten, entwickelte Rechtsformen, bewahrte antike Texte und schuf jene geistigen Institutionen, aus denen später die Moderne hervorging. Wer diese Epoche nur „finster“ nennt, sieht nicht die wahre Geschichte, sondern verbreitet Aufklärungspropaganda. Wir sollten daher endlich aufhören, unsere eigene Zivilisation durch die Brille ihrer Gegner oder Unwissender zu betrachten. Die Wahrheit ist schlicht: Nicht das christliche Mittelalter war eine historische Sackgasse. Die kulturelle Sackgasse beginnt dort, wo eine Kultur ihre eigenen Quellen vergisst, ihre Orthodoxie über die Neugier stellt und wo dieses Verhalten dann von späteren Apologeten zur ewigen Blüte verklärt wird. Genauso tun agieren Islamisten heute übrigens beim Thema „Kalifat“: Sie feiern unwissentlich eine vergangene Blütezeit mit einer vermeintlich reineren islamische Gesellschaft, obwohl es diese genau im Kalifat eben nicht gab. Solche zivilisatorischen Mythen gilt es daher zumindest bei uns im Westen zu beerdigen. Es ist nämlich wichtig aus der Geschichte die richtigen Lektionen zu lernen!

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Links & Quellen

https://time.com/5911003/middle-ages-myths

https://www.britannica.com/topic/Hindu-Arabic-numerals