
Im ORF spielt sich dieser Tage weit mehr ab als die abrupte Demontage eines Generaldirektors. Der Fall Roland Weißmann ist nicht bloß eine heikle Personalcausa, nicht bloß ein arbeitsrechtlich und menschlich delikates Verfahren und schon gar nicht nur eine Frage privater Verfehlungen oder unbewiesener Vorwürfe. Was wir hier sehen, ist das alte österreichische System in Reinkultur: Ein öffentlich-rechtlicher Apparat, formal unabhängig, tatsächlich aber durchsetzt von parteipolitischen linken Loyalitäten, Freundeskreisen und ideologischen Reflexen, nutzt eine Krise, um eine Machtfrage zu entscheiden. Und diese Machtfrage wurde in Windeseile beantwortet. Weißmann war plötzlich weg, Ingrid Thurnher war da und die Ausschreibungsmaschinerie für die neue ORF-Spitze läuft bereits. Medienminister Andi Babler wünschte sich sofort eine Frau, wohl wissend, dass er damit die ÖVP machtpolitisch auf dem linken Fuß erwischen würde. Der gleiche Andi Babler hat übrigens indirekt zu verantworten, dass im ORF-Stiftungsrat ein extrem niedriger Frauenanteil von nur 28 Prozent vorherrscht. Wer nun aus parteitaktischen Gründen plötzlich Geschlechterpolitik ins Zentrum rückt, muss sich auch an dieser strukturellen Realität messen lassen.
Dass dabei im linken und linksliberalen Milieu sofort scheinheilig die bekannten Argumente gebracht werden, war erwartbar: Unternehmenskultur, Zeichen setzen, Frau an die Spitze, Transparenz und Verantwortung. Das alles klingt geschniegelt, aufgeklärt und super modern. Wie wir in Österreich wissen, ist das aber natürlich nur die Fassade für weitere politische Intrigen.In Wahrheit riecht es nach einer alten Wiener Mischung aus Hofintrige und Gesinnungspolitik, denn die Vorwürfe gegen Weißmann mögen vielleicht korrekt sein und in dem Fall auch nicht für den Generaldirektor a. D. sprechen, aber eine gerichtliche Klärung lag zum damaligen Zeitpunkt nicht vor. Zugleich wurde nur eine interne Aufarbeitung über die ORF-Compliance-Strukturen und weitere interne Mechanismen angekündigt beziehungsweise eingeleitet. Dazu bestreitet Weißmann die Vorwürfe ausdrücklich, spricht von einer einvernehmlichen Beziehung und wirft seinerseits wiederum dem Stiftungsratspräsidium Druck und Vorverurteilung vor.
Gerade weil hier Aussage, Materiallage und Machtasymmetrie noch nicht abschließend geklärt sind, ist das Tempo des politischen Vollzugs so aufschlussreich. Es fand im ORF definitiv kein seriöser Prozess eines Aufsichtsrates gegenüber dem Generaldirektor mit nüchterner Distanz statt. Was stattfand war vielmehr eine politisch-moralische Exekution des Roland Weissmann in Echtzeit.
Der beleidigte grüne Macchiavelli
Man muss sich nur die Chronologie des Falls vor Augen führen. Am 9. März trat Weißmann zurück, nachdem eine Mitarbeiterin Vorwürfe sexueller Belästigung aus dem Jahr 2022 erhoben hatte. Der ORF-Stiftungsrat sprach sofort von notwendiger „rascher und transparenter Aufklärung“. Ingrid Thurnher übernahm interimistisch und nur wenige Tage später war klar: Die nächste Ausschreibung kommt in wenigen Wochen, die große Weichenstellung für die Funktionsperiode ab 2027 folgt Anfang Mai. Das heißt übersetzt: Der Apparat im ORF hat keine Schockstarre gezeigt, sondern erstaunliche organisatorische Geschmeidigkeit. Dort, wo angeblich ein moralischer Ausnahmezustand herrschte, funktionierte die Machttechnik plötzlich sehr effizient. Für die Aufklärung der Vorfälle nahm man sich dagegen keine Zeit und verschob sie nach hinten. Wer das alles für einen Zufall hält, der glaubt vermutlich auch noch an die politische Unschuld des Küniglbergs.
Alles könnte also wohl mit einer linken Intrige gegen Weißmann begonnen haben. Pius Strobl (grünes Urgestein) bekam einst von seinem Buddy und Karrierebegleiter Alexander Wrabetz (SPÖ) in dessen Ära als ORF-Chef eine Sonderpension in Höhe von 2,4 Millionen Euro zugesprochen. Weil Weissmann mit Hinweis auf Spardruck und öffentliches Image diese Auszahlung verhindern wollte (und das Recht dank Wrabetz-Pfusch anscheinend auf seiner Seite hatte), kamen Gerüchte auf, Strobl stehe hinter einer Intrige gegen Weißmann. Es gilt natürlich die Unschuldsvermutung – ein belastbarer öffentlicher Nachweis dafür, dass er eine gezielte Kampagne gegen Weißmann initiiert habe, liegt nämlich noch nicht vor. Jeder kann sich aufgrund gewisser Zufälle aber selbst ein Bild machen: Eine ORF-Mitarbeiterin – mit der Strobl laut weiteren unbewiesenen Gerüchten in einer persönlichen Beziehung sein soll – verwendete etwa den gleichen Anwalt wie Strobl, um ihrerseits gegen Weißmann vorzugehen. Diese Dame verfügte nämlich aus einer früheren Beziehung (die laut Weißmann einvernehmlich war) über „inkriminierendes Material“ gegen Weißmann. Sprich Weißmann hatte ihr gegenüber wohl sexuelle Andeutungen und Avancen gemacht und ihr vielleicht auch entsprechende Bilder geschickt. Für einen Vorgesetzten ist das natürlich ungebührliches Verhalten. Diese Chats endeten zwar 2022, also in dem Jahr in dem Weißmann gerade ORF-Chef geworden war, aber der Vorwurf gegen Weißmann steht jetzt- vier Jahre danach und kurz vor Weißmanns Verlängerung im Amt – zeitlich passend im Raum.
Der Strobl-Anwalt marschierte also offenbar im Namen der ORF-Mitarbeiterin mit den Chats in der Folge zum Stiftungsrat und forderte die Entlassung von Weißmann. Nachdem der Stiftungsrat Weißmann trotz Dementi nicht beisprang, resignierte Weißmann und beendete seine Karriere als ORF Generaldirektor. Er sei nicht angehört und von Lederer zum Rücktritt gedrängt worden, so Weißmann. Der Putsch gegen Weißmann scheint also in Rekordzeit erfolgreich gewesen zu sein – ein paar alte sexuelle Chats und eine Affäre im Haus kosteten ihn die Karriere.
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Ein linker Putsch? Wie man eine Gelegenheit ergreift!
Man könnte die Vorwürfe gegen Weißmann ernst nehmen, ohne sich dem Mechanismus der moralischen Schnelljustiz zu unterwerfen. Genau das wäre in einem halbwegs reifen Gemeinwesen die Pflicht. Die Stiftungsratsvorsitzenden setzten aber vorab keine Untersuchungskommission ein und Stiftungsrat Peter Westenthaler beschwerte sich über deren Informationspolitik:
Vergangene Woche warf Westenthaler Lederer in einem Schreiben an den ORF-Stiftungsrat „pflichtwidriges Verhalten“ vor. Lederer habe den Stiftungsrat „sechs Tage lang weder informiert noch eingebunden“, so der Vorwurf. Lederer hat diese Vorwürfe bereits zurückgewiesen.
Quelle: https://kurier.at/kultur/medien/orf-stiftungsrat-westhetahler-spoe-lederer-fpoe/403141333
Wie auch immer , Weißmann wurde dem anwaltlichen Druck des Strobl-Advokaten überlassen und offenbar von Lederer (laut Weißmann) zum Rückzug genötigt. So wurde binnen weniger Tage nicht nur ein Mann politisch vernichtet, sondern auch der Deutungsrahmen gleich mitgeliefert: Unternehmenskultur, männlich geprägte Vergangenheit, Frau als Neuanfang. Medienminister Andreas Babler legte nämlich sofort öffentlich nach und sprach sich dafür aus, dass eine Frau die Nachfolge antreten solle. Schon dieser Satz ist entlarvend. In einem Unternehmen, das gerade von einer schweren Krise erschüttert wird, sollte die Frage der Qualifikation an erster Stelle stehen. Doch in Österreichs linkem Medienmilieu schiebt sich identitätspolitische Symbolik mit reflexhafter Sicherheit vor jede nüchterne Leistungsfrage.
Weißmann war der Kandidat der ÖVP für den ORF-Vorsitz und seine Bestellung war in den Koalitionsverhandlungen vereinbart worden. Schließlich hatte die ÖVP dort der SPÖ nicht nur ein Ministerium – wie beispielsweise das Medienministerium – zusätzlich „geschenkt“ (das ihr von der Wahlaritmethik nicht zustand), sondern auch noch die relative Mehrheit im ORF-Stiftungsrat. Zu dem ohnehin in der Belegschaft tiefroten ORF kam also mit Andi Babler ein roter Medienminister und ein dominanter SPÖ-Freundeskreis um Heinz Lederer dazu. Nun griff man bei passender Gelegenheit auch in der Causa Generaldirektor machtpolitisch zu, um der ÖVP auch noch diesen letzten relevanten Posten am Küniglberg zu entreißen. Die Folgen sind frappierend: Die SPÖ beeinflusst mit nur 21 Prozent der Stimmen (Nationalratswahl 2024) die Geschicke des ORF ziemlich stark und verfügt zusätzlich mit der Wiener Medienförderung auch noch über den größten Medienfördertopf des Landes. Ingrid Turnher mag unabhängig wirken, aber sie ist von der linksliberalen Mehrheit im Stiftungsrat abhängig und zudem personell ein jahrzehntealtes Produkt des „Rotfunks“ ORF mit seiner linken Gesinnungsmehrheit in der Belegschaft.

Die Niederlage der ÖVP
Wer das alles nun für bloßen Krisenautomatismus hält, hat den ORF nicht verstanden. Der Küniglberg funktioniert seit Jahrzehnten als halbstaatliches Biotop mit parteinahen Freundeskreisen, ideologischen Revieren und wechselseitigen Loyalitäten. Genau deshalb ist der Rücktritt Weißmanns nicht nur ein moralischer Einschnitt, sondern eine machtstrategische Gelegenheit. Die türkise Bastion im Sitftungsrat, die 2021 noch tragfähig genug war, um Weißmann ins Amt zu heben, ist heute erodiert. Die ÖVP ist bundespolitisch schwach, innerparteilich wenig durchsetzungsfähig und im ORF-Stiftungsrat nur mehr zweitstärkste Kraft. In solchen Lagen gewinnt wer das Narrativ beherrscht und wer die Sitze kontrolliert. Und das ist definitiv nicht die ÖVP.
Noch bevor sich der Staub des Rücktritts gelegt hatte, schob sich bereits die große Erzählung in den Vordergrund: Unternehmenskultur, struktureller Sexismus, weiblicher Neuanfang, transparente Neuaufstellung. Nichts davon ist per se illegitim. Aber alles zusammen ergibt ein politisch höchst brauchbares Deutungsensemble, um eine Personalrochade moralisch unangreifbar zu machen. Man muss sich diese politische Chuzpe auf der Zunge zergehen lassen: Ein Regierungsmitglied wie Babler kommentiert mitten in einer ungeklärten Führungskrise in einem offiziell unabhängigen ORF nicht bloß das Verfahren, sondern kommuniziert auch gleich das wünschenswerte Ergebnis. Das ist keine staatsmännische Zurückhaltung, das ist politisches Duftmarkensetzen. Es geht nicht nur darum, wer qualifiziert ist. Es geht darum, das erlaubte Kandidatenfeld normativ zu verengen – die ÖVP hatte statt Weißmann nämlich zwei weitere Männer als Kandidaten in petto. Diese wollte man machtpolitisch wohl aus dem Spiel nehmen, bevor sie überhaupt zum Einsatz kamen. Der linke Mainstream macht das seit Jahren ziemlich erfolgriech so: Erst die moralische Bühne aufbauen, dann die passende Personalie als historische Notwendigkeit verkaufen.
Für die ÖVP ist das die eigentliche Niederlage. Sie verliert mit Weißmann nicht bloß eine Personalie, sondern einen Rest an institutionellem Zugriff auf den wichtigsten Medienapparat des Landes. Schon die Berichte über die anstehende Ausschreibung zeigen, wie rasch das Fenster für eine echte Neuordnung im ÖVP-Sinne geschlossen wurde. Eine Ausschreibung für die Überbrückungsphase bis Ende 2026 soll unverzüglich aufgesetzt werden, die reguläre Ausschreibung für die Funktionsperiode ab 2027 erfolgt Anfang Mai. Mit anderen Worten: Der Machtkampf wird in kürzester Zeit in ein formales Verfahren gegossen, dessen moralische und politische Leitplanken bereits errichtet sind. Wer jetzt noch glaubt, die ÖVP könne in Ruhe Terrain zurückgewinnen, verkennt das Tempo, mit dem politische Räume in Wien besetzt werden.
Fazit
Die Affäre offenbart damit vor allem eines: Die republikanische Lebenslüge vom unabhängigen ORF ist endgültig nicht mehr aufrechtzuerhalten. Ein Haus, dessen oberstes Gremium parteipolitisch zugerechnet wird, dessen Spitzenposten im Windschatten politischer Verschiebungen neu verteilt werden und dessen Krisenkommunikation sofort in moralische Lagercodes kippt, ist nicht unabhängig. Am Küniglberg erleben wir daher keinen gewöhnlichen Führungswechsel, sondern eine tektonische Verschiebung im Machtgefüge des ORF. Der Fall Weißmann war der Anlass, aber längst nicht die ganze Erklärung. Die wirkliche Geschichte lautet: Eine geschwächte ÖVP verliert inmitten einer moralisch aufgeladenen Affäre ihren wichtigsten medienpolitischen Brückenkopf, während die Gegenseite den Wechsel als Fortschritt, Reinigung und Neubeginn inszeniert. So sieht in Österreich ein Putsch im Nadelstreif aus: ohne Panzer, ohne Dekrete, aber mit Gremienmehrheiten, Deutungshoheit und dem wohlfeilen Ton des sittlichen Ernstes.
Hinzu kommt ein Umstand, der machtpolitisch überhaupt nicht zu unterschätzen ist: Der ORF ist nicht bloß ein Medienhaus, sondern ein kulturelles und politisches Steuerzentrum mit 1,1 Milliarden Euro Körberlgeld. Am Küniglberg sitzt der medial mit Abstand größte und wichtigste Player. Wer dort die Spitze politisch besetzen kann, der prägt mittelfristig politische Tonalitäten, Prioritäten und Grenzen des Sagbaren. Gerade deshalb war die ÖVP über Jahre so bemüht, ihren Einfluss am Küniglberg abzusichern. Ziel war zumindest symbolisch ein Gegengewicht zur sowieso sehr linken Belegschaft und der linken Medienmacht in Wien zu schaffen. Gerade deshalb jubeln nun so viele im linksliberalen Biotop insgeheim über den Sturz von Weißmann. Status quo am Küniglberg sind nämlich linke Erfüllungsgehilfen in der Führungsposition. Es geht hier schließlich um die Wiederherstellung eines linken Deutungsmonopols, das in den Jahren der türkisen Stärke zumindest partiell irritiert worden ist. Jetzt schlägt das Pendel politisch zurück. Nicht neutral, nicht überparteilich, sondern mit jener selbstgerechten Eleganz, die in Österreich stets dann auftaucht, wenn linke Macht von ihren Vertretern als Moral verkleidet wird.
Der Fall Weißmann zeigt weniger einen sauber aufgeklärten Vorgang als ein hochpolitisiertes System aus Gremienlogik, Personalinteressen und Lagerkämpfen. Dass der ORF in solchen Momenten nicht wie ein neutraler öffentlich-rechtlicher Rundfunk, sondern wie ein machtpolitisch umkämpftes Vorfeld politischer Milieus wirkt, ist der eigentliche Skandal.
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https://orf.at/stories/3424091
https://kurier.at/kultur/medien/orf-stiftungsrat-westhetahler-spoe-lederer-fpoe/403141333