11. September 2001: Wie ein Mann dem Terror trotzte!

Angriff auf das World Trade Center am 11. September 2001; Autor: Michael Foran

Am Morgen des 11. September 2001 hätte Howard Lutnick – der gegenwärtig in Donald Trumps Kabinett als Handelsminister der USA arbeitet – wie gewöhnlich in den Büros von Cantor Fitzgerald im Nordturm des World Trade Centers sitzen sollen. Stattdessen begleitete er seinen fünfjährigen Sohn Kyle an dessen erstem Kindergartentag. Wenige Minuten später schlug American-Airlines-Flug 11 in den Turm ein. Cantor Fitzgerald saß auf den Stockwerken 101 bis 105, oberhalb der Einschlagzone. Von 960 New Yorker Mitarbeitern der Firma starben 658 – darunter Lutnicks Bruder Gary. Kein anderes Unternehmen verlor an diesem Tag mehr Menschen. Islamisten ermordeten an diesem Tag 3000 Menschen im Auftrag von Al Kaida Chef Osama bin Laden und mehr als ein Fünftel der Opfer stammten von nur einer Firma: Cantor Fitzgerald!

Dass der damalige CEO Lutnick überlebte, war Glück und reiner Zufall. Was danach aber geschah, war seine Entscheidung. Der Mann, der binnen Minuten Freunde, Kollegen, Führungskräfte und seinen Bruder verloren hatte, stand vor einer Aufgabe, für die es kein Managementhandbuch gibt: eine wirtschaftlich verstümmelte Firma retten und zugleich den Familien der Toten beweisen, dass „Unternehmensfamilie“ nicht bloß eine Phrase für Weihnachtsfeiern ist. Gerade darin liegt die bleibende Bedeutung dieser Geschichte. Verantwortung zeigt sich nämlich nicht immer dann, wenn es einem leicht fällt und wenn Entscheidungen nichts kosten, sondern auch dann wenn jede Alternative schmerzt. Lutnik verkündete wenige Tage nach dem Anschlag, dass das Unternehmen mangels Geld die Gehaltszahlung an die Familien der 658 toten Mitarbeiter einstellen würden muss, aber er gab ein Versprechen ab:

„Wir haben beschlossen, 25 Prozent der Gewinne des Unternehmens an die Familien der Opfer zu geben.“

Howard Lutnick, CNN, 19. September 2001

Dieser Satz fiel nur acht Tage nach dem Anschlag und war für die Hinterbliebenen zunächst niederschmetternd. Er war keine PR-Geste für eine ferne Zukunft, sondern die Wette eines Verzweifelten auf das Überleben einer Firma, die gerade den Großteil ihrer Belegschaft verloren hatte. Der Wiederaufbau sollte nun auch für die Hinterbliebenen erfolgen und die Familien sollten am Erfolg beteiligt sein. Ebenso wie niemand die islamistischen Mörder und ihre Motivation für den 11. September, nämlich den Kampf des radikalen Islam gegen „Ungläubige“, vergessen sollte, so sollte man sich auch an unscheinbare Helden erinnern! Howard Lutnik war einer davon!

US-Handelsminister Howard Lutnick

Der Morgen, an dem eine Firma verschwand

Cantor Fitzgerald war vor 9/11 ein Schwergewicht im Handel mit US-Staatsanleihen. Nach dem Anschlag der islamistischen Terroristen war binnen weniger Minuten plötzlich ein großer Teil der Organisation ausgelöscht. Die 658 toten Mitarbeiter waren kein abstrakter Verlust in einer Bilanz; sie waren Trader, Techniker, Assistenten, Partner, Geschwister, Ehepartner und Eltern. Lutnick selbst verlor neben seinem Bruder Gary auch viele enge Freunde. Die Firma verlor also gleichzeitig nicht nur essentiell wichtige Menschen, sondern auch Wissen, Kundenbeziehungen und seine Infrastruktur. Die Lage war im wahrsten Sinne niederschmetternd! Dennoch gelang es den Mitarbeitern von Cantor Fitzgerald binnen einer Woche das Tradinggeschäft wiederaufzunehmen und Einnahmen zu erzielen!

„Fast 700 Familien, 700 Familien! Ich kann die Tränen nicht zurückhalten, wenn ich mir das vor Augen halte“, sagte Lutnick in einem emotional geladenen Fernseh-Interview.

https://www.spiegel.de/wirtschaft/tragoedie-in-etage-101-der-mann-der-670-mitarbeiter-verlor-a-157579.html

Wirklich schwierige Krisen legen offen, was Institutionen und ein verantwortungsvolles Management in einer Krisensituation auch sein können, nämlich wichtige Beziehungen, Loyalitäten und auch essentielle Pflichten. Cantor Fitzgerald war nach dem Anschlag wirtschaftlich kurz vor dem Aus und stand moralisch vor der größten Prüfung. Die Frage lautete nicht nur, ob die Firma weiterexistieren konnte, sie lautete auch, ob ihr Weiterleben noch einen Sinn hatte, der über die nächste Handelswoche hinausging. Eine Organisation, die an nur einem Tag 68.5% ihrer Mitarbeiter verloren hatte, war naturgemäß gelähmt, schockiert und voller trauerender Menschen! Lutnick und das verbliebene Management gaben aber der Firma mit dem Versprechen, den Familien zu helfen einen neuen Sinn und eine Mission!

„Wir müssen weiter machen. Wir müssen uns um die 700 Familien kümmern“, sagt Lutnick. „Unsere erste Priorität ist die Sorge für unsere Angestellten und ihre Familien.“

https://www.spiegel.de/wirtschaft/tragoedie-in-etage-101-der-mann-der-670-mitarbeiter-verlor-a-157579.html

Auch Lutnick wäre an diesem Tag beinahe gestorben. Nach dem Angriff raste er nämlich vom Kindergarten seines Sohnes zum Worldtrade Center, um nach seinem Bruder und seinem besten Freund Doug, sowie nach seinen Mitarbeitern Ausschau zu halten! Dass Lutnick heute am Leben ist, verdankt er dem Zufall: Als der Südturm um 9.59 Uhr in sich zusammenbrach, stand der Firmenchef nämlich ausgerechnet in der Lobby des ebenfalls brennenden Nordturms. Als dieser kurze Zeit später ebenfalls einstürzte, rannte er um sein Leben, verschanzte sich unter einem Auto und suchte Schutz vor den herabfallenden Trümmern!

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Die hässliche Entscheidung, die das Überleben sicherte

Wenige Tage nach dem Anschlag stoppte Cantor plötzlich die Gehaltszahlungen an die getöteten Mitarbeiter. Die Entscheidung löste in der US-Öffentlichkeit zurecht massive Empörung aus. Für Witwen und Familien, die gerade einen geliebten Menschen verloren hatten, musste das ausbleibende Geld wie die zweite niederschmetternde Katastrophe wirken. Amerikanische Medien wie CNN berichtete damals, dass die Maßnahme dem Erhalt der Liquidität und der unmittelbaren Abwendung einer Insolvenz dienen sollte. CEO Lutnick wurde dafür nicht zu unrecht öffentlich hart angegriffen. Medial wirkt das nämlich so wie der Kapitalismus von linker Seite gerne dargestellt wird: Kalt und unverhältnismäßig hartherzig!

Genau in so einem Fall lernt man aber auch als Mensch, dass die Welt manchmal sehr unbequem sein kann und es nicht immer nur gute und richtige Entscheidungen gibt! Mitgefühl ersetzt nämlich keine Zahlungsfähigkeit und eine Firmenpleite heute kann morgen niemanden beistehen. Eine Firma, die aus moralischer Pose ihre letzten Reserven verbrennt, hilft also am Ende niemandem. Cantor musste zuerst wirtschaftlich irgendwie überleben und wieder Geld verdienen, damit aus der Solidarität für die Familien der Hinterbliebenen mehr werden konnte als ein Kondolenzschreiben. Bereits im Oktober 2001 – als Lutnick die Firma dann endgültig stabilisiert hatte – folgte eine erste wichtige Zahlung von 45 Millionen Dollar an die Hinterbliebenen! Anschließend gingen dann fünf Jahre lang 25 Prozent der Gewinne an die Familien. Zusätzlich übernahm das Unternehmen für zehn Jahre deren Krankenversicherung. Insgesamt belief sich diese Unterstützung auf 180 Millionen Dollar. CEO Lutnick traf also zunächst eine schwierige, sehr hart scheinende Entscheidung, um seinen Mitarbeitern dann mittelfristig besser helfen zu können! Am Ende erhielten die Familien jedes Hinterbliebenen somit Hilfeleistungen im Wert von rund 300.000 Euro.

Lutnick ist sich heute sicher, dass die Entscheidung zu helfen, das Geschäft angekurbelt hat: „Wir arbeiteten härter denn je. Für uns, für unsere Kollegen und um der Welt zu zeigen, dass wir uns nicht unterkriegen lassen.“

https://www.diepresse.com/692273/cantor-fitzgerald-getroffen-aber-nicht-gefallen

Solidarität ohne Sozialstaatsromantik

Gerade in Europa wird Solidarität heute fast automatisch mit staatlicher Umverteilung und einem staatlichen Sicherheitsnetz gleichgesetzt. In den USA gibt es das in reduzierterer Form zwar ebenso, aber hier übernehmen oft Private größere Verantwortung und treten dann nach vorne, anstatt die Menschen auf staatliche Almosen warten zu lassen! Die Geschichte von Cantor Fitzgerald erinnert damit an eine ältere, bürgerliche Vorstellung: Wer zu einer Gemeinschaft und einer „Unternehmensfamilie“ gehört, der trägt im Krisenfall auch konkrete Verantwortung für die Menschen in seinem Umfeld. Das passiert nicht anonym über „Vater Staat“, wird nicht per se ausgelagert und es passiert nicht erst nach gesetzlicher Verpflichtung.

Lutnick versprach den Familien seiner – von den Islamisten ermordeten – Mitarbeiter eine Verbindung zwischen Leistung und Hilfe: Die überlebende Firma musste Gewinne erwirtschaften, damit die Hinterbliebenen daran beteiligt werden konnten. Gewinn war in diesem Modell nicht der kapitalistische Gegenbegriff zu Menschlichkeit, als der er in Europa gerne gilt, sondern die materielle Voraussetzung, um helfen zu können. Das mag in einer Zeit moralischer Debatten, garniert mit bablerschem „Eat the rich“, fast provokant klingen, tatsächlich aber ist das freilich der Realismus in einer modernen Wirtschaft: Ohne Wertschöpfung gibt es nichts zu verteilen!

Noch bemerkenswerter war ein zweites seiner Versprechen: Lutnick bot den Kindern der getöteten Mitarbeiter an, später bei Cantor Fitzgerald zu arbeiten. 2016 gab er an, 57 dieser Kinder hätten bereits im Unternehmen gearbeitet; zwei Jahre später sprach er gar von rund 100. Die Zusage war eine weitere auch psychologische Hilfe für die betroffenen Kinder: Wer kommen wollte, sollte auch beruflich eine gute Chance auf ein sehr hohes Einkommen bekommen und gemeinsam mit anderen Hinterbliebenen genau das tun, was ihre Väter und Mütter schon getan hatten. Auch der jährliche „Charity Day“ von Cantor Fitzgerald wurde aus diesem Gedächtnis heraus aufgebaut. Seit 2002 werden die globalen Einnahmen der Firma dieses Tages an wohltätige Zwecke weitergegeben; die Initiative entstand zum Gedenken an die 658 Cantor-Mitarbeiter und 61 Kollegen von Euro Brokers, die am 11. September starben. Aus der Erinnerung an einen islamistischen Terroranschlag wurde damit eine helfende Institution.

Amerikanische Kultur: Warum Lutnick wusste, was Hilfe bedeutet!

Howard Lutnicks Reaktion kam dabei nicht aus dem Nichts, sondern sie ist eine zutiefst amerikanische Geschichte, die geholfen hat, dieses Land groß zu machen. Lutnicks Mutter starb an einem Lymphom, als er noch zur Schule ging. Kurz nach Beginn seines Studiums am Haverford College verlor er dann auch noch seinen Vater. Der damalige College-Präsident Robert Stevens teilte dem jungen Studenten daraufhin mit, dass seine vier Studienjahre von der Universität bezahlt werden würden. Haverford beschrieb später, wie tief diese solidarische Geste Lutnick geprägt hatte, denn Lutnick wurde  später selbst – als er zu Wohlstand gekommen war – zu einem der bedeutendsten Förderer der Hochschule. Lutnick hatte somit früh gelernt, was Verantwortung und Mitmenschlichkeit in den USA bedeuten können: Man hilft jenen, die unverschuldet in Not geraten sind! Geben und Nehmen bedingen sich nämlich in einer Gesellschaft!

Darin steckt ein bürgerlicher Gedanke, der in den gesättigten europäischen Wohlfahrtsstaaten oft fehlt: Empfangene private Hilfe erzeugt Dankbarkeit, Dankbarkeit erzeugt dann Pflichtgefühl und dieses Pflichtgefühl wird auch vererbt und als Einstellung menschlich weitergegeben. Der Amerikaner in den USA ist nicht bloß Anspruchsteller gegenüber anonymen Systemen, wie das so oft in Europa der Fall ist, sondern ist selbst seines Glückes Schmied. Er und seine Familie, Freunde und Mitmenschen entscheiden gemeinsam, was sie daraus machen sollen. Lutnick konnte den 11. September nicht ungeschehen machen, aber er konnte dafür sorgen, dass die Hinterbliebenen großzügig versorgt waren und zumindest keine finanzielle Not leiden mussten!

Fazit

Die Geschichte von Cantor Fitzgerald ist somit keine romantische Heldensage und Howard Lutnick ist selbstredend kein moderner Heiliger, der von jeglicher Kritik auszunehmen wäre. Sie ist ein Beispiel dafür, wie Führung in einer schwierigen Zeit aussehen könnte, wenn sentimentale Worte nicht mehr genügten und plötzlich Führungsstärke gefragt wäre. Die Entscheidung, erst die Firma zu retten und dann aus ihrem Erfolg eine Verpflichtung gegenüber den Hinterbliebenen zu machen, war für CEO Lutnick damals sicher nicht einfach, aber sie war im Nachhinein richtig. 180 Millionen Dollar, zehn Jahre freie Krankenversicherung und offene berufliche Türen für die Kinder der Toten bedeuten heute viele wertvolle eingelöste Zusagen.

Fünfundzwanzig Jahre nach 9/11 sollte deshalb sich auch Europa ausgerechnet von einem harten Wall-Street-Unternehmer eine alte Wahrheit abschauen und in Erinnerung rufen: Solidarität braucht wirtschaftliche Substanz, Loyalität  ist Teil der Mitmenschlichkeit und Verantwortung braucht starke Menschen, die persönlich für ihr Wort einstehen. Ein Gemeinwesen wie auch ein Unternehmen wird nicht stark, wenn es möglichst oft von Zusammenhalt spricht. Es wird dann stark, wenn Institutionen und Personen in einer Katastrophe beweisen, dass Zugehörigkeit mehr bedeutet als nur schöne Worte. Cantor Fitzgerald überlebte, weil sein wirtschaftliches Überleben selbst mit der Voraussetzung verknüpft worden war, die familiäre und wirtschaftliche Pflicht gegenüber den verstorbenen Mitarbeitern zu erfüllen.

Auf keinen Fall aber sollte auch vergessen werden, warum an diesem Tag 3000 unschuldige Menschen ermordet worden sind: die Verantwortung dafür trägt der radikale Islam in seiner islamistischen Form, der den Märtyrertod im Kampf gegen die Ungläubigen predigt und jenen „Kämpfern“ 72 Jungfrauen verspricht, die am vermeintlichen Schlachtfeld umkommen! Dass ausgerechnet New York City 2026 einen Vorkämpfer des politischen Islam – Zohran Mamdami – ins Bürgermeisteramt gewählt hat, lässt einen allerdings durchaus etwas an der Erinnerungsfähigkeit und dem Verständnis vieler Menschen im Westen zweifeln!

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Links & Quellen

https://nypost.com/2026/09/09/us-news/losing-the-most-people-on-9-11-brought-cantor-fitzgerald-closer-together

https://www.businessinsider.com/cantor-fitzgerald-marks-25-years-since-9-11-attacks-2026-9

https://www.spiegel.de/wirtschaft/tragoedie-in-etage-101-der-mann-der-670-mitarbeiter-verlor-a-157579.html

https://www.diepresse.com/692273/cantor-fitzgerald-getroffen-aber-nicht-gefallen