Wie ein Scheich aus Versehen Sowjetunion und Kommunismus zerstörte!

Scheich Ahmed Zaki Yamani (1930-2015) war ein angeblich sehr freundlicher saudischer Anwalt, Politiker und ein Ehrendoktor der Montanuniversität Leoben, aber vor allem war er saudischer Energieminister zwischen 1962 und 1986. Im Jahr 1985/86 schrieb er auf stille Art Weltgeschichte, denn er zerstörte aus Versehen und völlig ungewollt die Sowjetunion und damit den Kommunismus des Ostblocks! Verärgert von Schummeleien in der OPEC gab er nämlich enorme saudische Öllieferungen für den Weltmarkt frei, was den Ölpreis von rund 27 Dollar im Jahresmittel 1984/85 auf fast 15 Dollar kollabieren ließ. Am Tiefststand im Juli 1986 stand der Preis kurzfristig sogar nur bei 9 Dollar pro Barrel. Die saudische Strafe für die anderen OPEC-Mitglieder traf allerdings ein Land am härtesten, dass Yamani gar nicht im Sinn hatte: Die Sowjetunion. Die „mächtige“ Sowjetunion war damals wirtschaftlich gesehen nämlich keine kommunistische Großmacht, sondern eine Tankstelle für die kapitalistische Weltwirtschaft, die Öl exportierte und zum Überleben sogar Weizen vom Klassenfeind teuer importieren musste.  Mit dem Kollabieren des Ölpreises  Anfang der 1990er Jahre, war dann die kommunistische Party zuerst in der Sowjetunion, dann im Ostblock und auch in Kuba und Nordkorea vorbei.

Die Sowjetunion starb also nicht primär am teuren Krieg in Afghanistan (1980-1988), an Reagans harter Politik, den Kosten des Tschernobyldesasters oder an Gorbatschows verspäteten Reformen. Sie starb aufgrund einer simplen ökonomischen Wahrheit: Der Staat, der sich für die linke progressive Zukunft der Menschheit hielt, war in seiner Zahlungsfähigkeit mangels industrieller Wettbewerbsfähigkeit vom Weltmarktpreis für Öl (und andere Ressourcen) abhängig. Die Sowjetunion war also kein wirtschaftlicher kommunistischer Gegenentwurf zum Kapitalismus, sondern ein ideologisch aufmunitionierter Subventionsapparat mit Atomraketen. Der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt sprach zurecht über die Sowjetunion in den 1980ern spottend als eine „Obervolta mit Atomwaffen“, wobei „Obervolta“ für eine ehemalige unterwickelte afrikanische Kolonie auf dem Gebiet des heutigen Burkina Faso stand. Die Sowjets hatten ihre Landwirtschaft im größten Land der Erde derart heruntergewirtschaftet, dass Grundnahrungsmittel wie Weizen aus Europa und den USA importiert werden mussten. Obwohl man also über extrem fruchtbare Böden am Schwarzen Meer und enorme Landflächen verfügte, konnte Moskau seine Untertanen nicht eigenständig ernähren. Damals wie heute hing das russisch geprägte Reich an seinen Rohstoffexporten und ist daher wirtschaftlich heute wie damals im Vergleich zum Westen maximal eine zweitklassige Macht. Das Dilemma der Sowjetunion war eine Folge der kommunistischen Ideologie und ihr Scheitern demonstrierte, dass zentrale Planung und Marxismus ein Land geradewegs in den Untergang führen können.

Ölpreise im Jahresmittel in den 1980er Jahren

Vom Dilemma der Saudis 1985 zum Dilemma der Sowjets!

Scheich Ahmed Zaki Yamani, der saudische Ölminister, wollte Mitte der achtziger Jahre nicht den Marxismus beerdigen. Saudi-Arabien wollte Marktanteile am Ölmarkt von seinen OPEC-Partnern zurückholen, OPEC-Disziplin erzwingen und die anderen Produzenten bestrafen, die unerlaubt vom Kartell mehr Rohöl exportierten, aber die Mengenbegrenzung alleine Riad überließen. Sprich die Saudis hielten sich für einen höheren Ölpreis mit Exporten zurück, während die anderen OPEC-Länder mit unerlaubten Exporten Kasse machten. In Riad wuchs jahrelang der Unmut über diese Politik, bis Saudi-Arabien mit einem Knall seine Rolle als Stabilisator aufgab und die eigene Produktion massiv erhöhte. Der Ölpreis brach global sofort massiv ein und wurde im Juli 1986 zeitweise sogar kurz unter zehn Dollar je Barrel gedrückt. Der sowjetische Ökonom Yegor Gaidar, Premierminister von Russland 1991-1994, beschrieb die Folgen für die Sowjetunion folgendermaßen:

In den folgenden sechs Monaten (nach der Aktion der Saudis) vervierfachte sich die Ölproduktion Saudi-Arabiens, während die Ölpreise real um ungefähr denselben Faktor einbrachen. In der Folge verlor die Sowjetunion rund 20 Milliarden Dollar pro Jahr – Geld, ohne das das Land schlicht nicht überleben konnte.

https://tamilnation.org/intframe/070419collapse_of_soviet_union.pdf

Die sowjetische Führung hatte nach dem Ölpreisverfall im Grunde drei theoretische Auswege. Erstens hätte sie das osteuropäische Imperium aka den „Ostblock“ aufgeben und den sozialistischen Bruderstaaten Öl und Gas nicht mehr im Tauschhandel, sondern gegen harte Devisen verkaufen können. Das hätte jedoch bedeutet, die russische Dominanz des Zweiten Weltkriegs politisch quasi preiszugeben. Schließlich hing das wirtschaftliche Überleben des Ostblocks an der Energiesubvention aus Moskau. Zweitens hätte Moskau die Lebensmittelimporte um jene rund 20 Milliarden Dollar kürzen können, die durch den Ölpreisverfall fehlten. Praktisch hätte das aber Lebensmittelrationierung wie im Krieg bedeutet und wohl binnen kürzester Zeit das sowjetische System destabilisiert. Auch diese Option wurde also nicht realistisch erwogen, denn man wusste, dass der Zerfall der Sowjetunion unmittelbar darauf erfolgen würde.

Drittens hätte die Sowjetunion den militärisch-industriellen Komplex radikal beschneiden können. Auch das war politisch schwer durchsetzbar, weil ganze Städte und regionale Machteliten von der Rüstungsindustrie abhingen. Mit Abrüstungsabkommen versuchte man aber gegenüber dem Westen schließlich genau das, was aber intern nichts an der aufgeblasenen Rolle des Militärs änderte. Da keine dieser Optionen in vollem Ausmaß dem Politbüro ernsthaft realisierbar erschien, entschied sich die kommunistische Führung für Verdrängung: keine echte Reform, sondern Auslandskredite, solange die Bonität noch gut war. Von 1985 bis 1988 konnte sich die Sowjetunion (wie übrigens auch die DDR) so über Wasser halten, doch 1989 kam die Wirtschaft endgültig zum Stillstand. Das sowjetische Riesenreich und der Ostblock zerbrachen und die kommunistischen Eliten wurden gestürzt.

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Angebot und Nachfrage: Wie der Ölpreis unter Druck geriet

Der Ölmarkt der frühen achtziger Jahre war wie heute auch ein Machtspiel. Nach den zwei arabisch verursachten Ölpreisschocks der siebziger Jahre suchte der Westen nach alternativen Quellen, um die arabische Erpressungsmacht zu reduzieren. Neues Öl wurde an vielen Orten gefunden und Investitionen in Alaska, der Nordsee und anderswo ermöglichten dessen Förderung. Gleichzeitig sank die globale Nachfrage, weil die Ölpreisschocks zu mehr Spritsparmaßnahmen geführt hatten. Saudi-Arabien kürzte in den 1980ern deshalb lange seine Ölexporte und seine Förderung, um den Preis zu stützen, während andere Produzenten von dieser Disziplin profitierten. Die Saudis verzichteten somit auf Einnahmen und Marktanteile, die andere Ölproduzenten übernahmen. Im September 1985 änderte Riad den Kurs: Saudi-Arabien gab seine Rolle als Swing Producer auf und erhöhte die Förderung; der IWF beschreibt diesen Schritt als zentralen Beitrag zum scharfen Preisverfall.

Moskau hatte sich derweil aber an hohe Energieeinnahmen gewöhnt, um damit seine imperale Politik zu stützen und seine kommunistische Mangelwirtschaft zu subventionieren. Die sowjetische Führung kalkulierte dabei laut Berichten mit einem Ölpreisniveau, das in der historischen Debatte oft mit rund 35 Dollar je Barrel beschrieben wird; der Fall auf einstellige beziehungsweise niedrige zweistellige Preise riss deshalb ein enormes Loch in jene Devisenrechnung, mit der Getreide, westliche Technologie und politische Loyalität im eigenen Hinterhof bezahlt wurden. In der Folge fehlte es in der Sowjetunion wirtschaftlich an allen Ecken und Enden. Im Jahr 1991 befürchtete die sowjetische Führung dann gar eine Hungersnot in Moskau selbst, weil ausländische Kredite ausblieben und das eigene System zunehmend kollabierte. Schon in den Jahren davor erlebten größere sowjetische Städte Nahrungsmittelknappheit und der wirtschaftliche Verfall griff um sich. Nikolai Ryzhkov, sowjetischer Ministerpräsident und Regierungschef unter Gorbatschow beschrieb das Dilemma so:

Niemand will unsere Maschinen kaufen. Das ist der Grund warum wir primär Rohstoffe verkaufen. Wenn es keine Öleinnahmen mehr gibt, gibt es keine sowjetische Wirtschaft mehr!

Nikolai Ryzhkov; Quelle: https://tamilnation.org/intframe/070419collapse_of_soviet_union.pdf

Der Kreml verkaufte dem Volk also jahrzehntelang die kommunistische Planwirtschaft als Befreiung von kapitalistischer Unsicherheit und war am Ende selbst Gefangener eines Preisverlaufes für Rohöl. Der Sozialismus predigte hier also fleißig die Überwindung des Marktes und wurde am Ende von eben diesen Markt aufgrund der eigenen Unfähigkeit gerichtet.

Ölpreise im Monatsmittel: Der enorme Ölpreiseinbruch wird hier noch schöner sichtbar

Das Kornfeld, das Brot importieren musste

Die Sowjetunion verfügte über riesige Agrarflächen wie die Schwarzerdeböden in der Ukraine und in Südrussland. Dennoch stiegen die Getreideimporte dramatisch: Während die UdSSR 1970 nur 2,16 Millionen Tonnen Getreide importieren musste, waren es 1985 schon 44,2 Millionen Tonnen. Auch die Fleischimporte wuchsen im selben Zeitraum ebenfalls massiv. Der Kommunismus scheitert also keineswegs zufällig, sondern vielmehr folgerichtig aufgrund der eigenen Unfähigkeit. Er verwechselt Zwang mit Ordnung, Plan mit Wissen und Verteilung mit Wohlstand. Wo Preise politisch ersetzt werden, verschwinden nämlich wichtige wirtschaftliche Informationen. Wo Eigentum kollektiviert wird, verschwindet die lokale Verantwortung und führt zu Ignoranz, Misswirtschaft, Agrarausfällen und sogar – im Falle Zentralasiens – zu enormen Naturschäden wie etwa der Wüstenbildung am Aralsee. Wo Leistung ideologisch verdächtig ist, wird Mittelmaß zur Staatskultur. Am Ende entstehen im Kommunismus deshalb nicht neue bessere Menschen, sondern leider nur Warteschlangen für Brot und Fleisch.

Die Sowjetunion unterhielt einen gigantischen Militärapparat, subventionierte Satellitenstaaten, finanzierte geopolitische Abenteuer und hielt im Inneren ein ineffizientes Versorgungssystem künstlich am Leben. Solange die Ölpreise hoch waren, konnte Moskau die Rechnung moralisch überkleben. Als Yamani den Markt flutete, löste sich der Kitt. Aber schon zuvor demonstrierte die Abhängigkeit von ausländischen Agrarexporten, dass der Kommunismus seine Souveränität verloren hatte. Der Ölpreis zerstörte die Sowjetunion nicht allein, sondern dieser war nur ein Schock, der die vorhandene Fäulnis sichtbar machte. Andere Ölproduzenten litten ebenfalls, aber sie trugen nicht zugleich die Last eines imperialen Planstaates, einer unproduktiven Landwirtschaft, eines überdehnten Rüstungssektors und eines ideologischen Wahrheitsmonopols.

Der kapitalistische Westen wurde deshalb zum agrarischen Lieferanten für den Ostblock. Amerikanische Farmer, europäische Bauern und argentinische Exporteure füllten Lücken im Ernährungsbedarf, die der sozialistische Apparat selbst gerissen hatte. Die untere Grafik demonstriert dabei schön, wie teuer die Importe dem klammen Sowjetsystem am Ende kamen: In den 1980ern waren es zwischen 20 und 30 Milliarden US-Dollar im Jahr.

Der zunehmende Import von Agrargütern: Die Sowjetunion konnte sich nicht selbst ernähren!

Fazit

Genau aufgrund solcher Fakten zur kommunistischen Misswirtschaft ist die nostalgische Verklärung des Kommunismus in manchen Kreisen – Grüße an Elke Kahr und ihre Grazer Genossen oder an Mamdani in New York – so grotesk. Wer heute Hammer und Sichel als rebellisches Symbol hoch hält, der bewundert nicht Gerechtigkeit, sondern eine Verwaltungsform des Mangels. Wer sozialistische Experimente wählt, weil sie „solidarischer“ klingen, wählt einen inherenten Niedergang. Der Kommunismus verspricht nämlich Gleichheit und Brot und liefert am Ende Bezugsscheine, Armut für alle und Mangel. Er verspricht Gleichheit und Würde und produziert Abhängigkeit und technokratische Funktionärskasten.

Ärgerlich ist nicht nur die Bilanz an und für sich, sondern dass sie in Teilen Europas noch immer wie eine bedauerliche Betriebsstörung behandelt wird, nicht wie ein Urteil. An Universitäten, in Kulturmilieus und bei linken Parteien lebt die alte Ausrede fort: Es sei nie der richtige Sozialismus gewesen. Diese Formel ist die bequemste Insolvenzerklärung der politischen Moderne. Jedes Scheitern wird aus der Theorie ausgelagert, damit die Theorie makellos bleibt. Die achtziger Jahre lieferten dazu ein Lehrstück von brutaler Klarheit. Ein saudischer Minister änderte die Förderpolitik und in Moskau wurde erkennbar, dass der angeblich wissenschaftlich fundierte Sozialismus nicht einmal seine Grundversorgung aus eigener Kraft absichern konnte. Der Ölpreis fiel, die Devisen fehlten, das Getreide musste trotzdem gekauft werden, und der rote Mythos der Sowjetunion zerbrach.

Der Kommunismus wurde also nicht heroisch im Kampf besiegt, sondern ganz simpel ökonomisch entlarvt. Ein System, das enorme fruchtbare Böden besitzt und am Ende Getreide importieren muss, das den Weltmarkt als Feindbild beschimpft und trotzdem von ihm abhängt, das den Kapitalismus verdammt und dessen Devisen braucht, hat sein Urteil längst selbst gesprochen. Dass solche Ideen heute noch proklamiert, gewählt und ästhetisch verklärt werden, ist kein Zeichen von Idealismus, sondern von historischer Lernverweigerung und Dummheit. Der Kommunismus ist nämlich vor allem eines: Ein System für Versager!

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Links & Quellen

https://tamilnation.org/intframe/070419collapse_of_soviet_union.pdf

https://carnegieendowment.org/russia-eurasia/posts/2017/03/the-formation-and-evolution-of-the-soviet-unions-oil-and-gas-dependence