Wöginger als politisches Bauernopfer: Wie Österreich Postenschacher und Verfehlungen verurteilt!

Am Rednerpult: Klubobmann August Wöginger (ÖVP); Parlamentsdirektion/​Thomas Topf Aufnahmedatum: 16.06.2025

Österreich ist ein merkwürdiges Land: Es lebt politisch seit Jahrzehnten von Proporz, Parteibuchlogik, Inseratenpflege, Kammermacht, Gemeindebünden, roten Vorfeldorganisationen, schwarzen Netzwerken und mächtigen Landesfürsten. Das Land wurde dabei nicht von einer Partei aufgeteilt, sondern in der Regel von zwei, nämlich ÖVP und SPÖ. FPÖ und Grüne durften nur zeitweise mitspielen. Österreich ist eine Republik der Hinterzimmer, der „man kennt sich“-Gespräche und der höflich verkleideten Machtpflege. Doch sobald aus dieser Alltagskorruption ein strafrechtlicher Fall wird, sobald das Scheinwerferlicht der Justiz auf einen konkreten Namen fällt, steht auffallend oft ein ÖVP- oder FPÖ-Politiker im grellen Licht. Die linke Reichshälfte hingegen scheint in erstaunlich vielen Fällen nur politisch verantwortlich, moralisch betroffen, organisatorisch verwickelt, aber strafrechtlich seltsam wetterfest zu sein.

Der Fall August Wöginger ist dafür ein Lehrstück. Nicht, weil er besonders auffällig oder hervorstechend wäre, nicht, weil hier ein System von nie dagewesener Niedertracht sichtbar werden würde, sondern gerade deshalb, weil er so banal, so gewöhnlich österreichisch wirkt. Ein Anruf, eine Intervention, eine Personalfrage, ein Posten. Es ist genau jene politische Alltagsware, aus der die Zweite Republik jahrzehntelang ihre Machtarchitektur gebaut hat. Wöginger wurde am 4. Mai 2026 in der Finanzamt-Causa erstinstanzlich wegen Anstiftung zum Amtsmissbrauch zu sieben Monaten bedingter Haft und einer Geldstrafe verurteilt. Das Urteil ist freilich nicht rechtskräftig, sein Anwalt meldete Berufung und Nichtigkeitsbeschwerde an. Zugleich trat Wöginger aber als ÖVP-Klubobmann zurück.

Wöginger bezahlt also als einziger Politiker den Preis für etwas, das in Österreich leider seit Jahrzehnten landauf und landab gang und gäbe ist. Viele Politiker mögen sich nun Sorgen machen und er wird es zurecht unfair finden, denn es ist nicht das System Wöginger, dessen er schuldig gesprochen wurde. „Der Gust“ ist ein Politiker unter vielen, der politische Gefallen getan hat. Warum es nun ihn erwischt, deckt etwas in Österreich auf: Die Schieflage in der politischen Justiz, bzw. in der medialen Rezeption!

ÖVP-Klubobmann August Wöginger und zwei Beamte sind am Montag der „Finanzamt-Causa“ vor Gericht in Linz wegen Amtsmissbrauchs, die Beamten auch wegen falscher Beweisaussage schuldig gesprochen worden.

ORF Oberösterreich, 4. Mai 2026; https://ooe.orf.at/stories/3352763/

Der verurteilte Einzelfall und das unverurteilte System

Man muss Wöginger nicht verteidigen, um das größere Problem zu erkennen. Wer öffentliche Funktionen, Beamtenlaufbahnen oder staatsnahe Posten parteipolitisch organisiert, beschädigt den Staat. Wer aber so tut, als sei diese Praxis eine schwarze oder blaue Spezialität, betreibt politische Märchenpflege. Österreichs Proporz war nie ein Exklusivprodukt der ÖVP, er war vielmehr das Betriebssystem der Republik. Rot und Schwarz haben dieses Land nach 1945 in Kammern, Sozialversicherungen, staatsnahen Betrieben, Gemeindestrukturen, Medienkanälen und Verwaltungsapparaten so fein säuberlich vermessen, dass selbst der kleinste Posten irgendwann ein politisches Mascherl trug.

Gerade deshalb wirkt der Wöginger-Fall wie ein symbolisches Bauernopfer für eine politische Kultur, die weit größer ist als ein ÖVP-Klubobmann. Die Botschaft lautet nun: Seht her, der Rechtsstaat funktioniert und er funktioniert tatsächlich. Er funktioniert aber offenbar dort besonders gut, wo die Beweislage, die parteipolitische Erzählung und die mediale Erwartungshaltung zusammenpassen. In den roten Machtbiotopen hingegen verdampft vieles in der warmen Luft der politischen Normalität. Dort heißt es nicht Postenschacher, sondern Personalpolitik, nicht Inseratenkorruption, sondern Stadtkommunikation, nicht Parteienförderung durch die Hintertür, sondern Information der Bevölkerung.

Die SPÖ beherrscht seit Jahrzehnten eine bemerkenswerte politische Alchemie: Sie verwandelt Macht in Gemeinwohlrhetorik. Was bei der ÖVP medial als „Freunderlwirtschaft“ verunglimpft wird, klingt in Wien oft nach „sozialer Verantwortung“. Als bei Sebastian Kurz seine vermeintliche „Inseratenmaschine“ skandalisiert wurde, sprach man bei der Stadt Wien von den eigenen Inseraten als notwendige Bürgerinformation. Was bei einem schwarzen Funktionär sofort medial nach Korruption klingt, wird im roten Umfeld gern als gewachsene Struktur, historische Verantwortung oder kommunale Notwendigkeit verklärt.

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Kurz, Faymann und die selektive Empörung bei den Inseraten

Der Rechnungshof stellte in einem Bericht zur Medienarbeit der Stadt Wien fest, dass allein der Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien von 2019 bis 2022 insgesamt 143,41 Millionen Euro für Medienarbeit aufgewendet hat. Davon entfielen 84,53 Millionen Euro auf Medienkampagnen und -schaltungen. Zudem meldete die Stadt Wien im selben Zeitraum 92,87 Millionen Euro an Entgelten für Medienschaltungen an die KommAustria; 72,41 Prozent davon entfielen auf zehn Medien, wobei Heute, Krone und Österreich die größten Anteile ausmachten.

Die fehlende Übersicht über die für Medienkampagnen beziehungsweise -schaltungen, Agenturleistungen und Eigenmedien der Stadt Wien anfallenden Mittel stellt ein Transparenz- und Steuerungsdefizit dar.

Rechnungshof Österreich, 17. Jänner 2025; https://www.rechnungshof.gv.at/rh/home/news/Meldungen_2025/Sparpotenzial_kostenintensive_Medienschaltungen_Stadt_Wien.html

Das ist kein kleiner Schönheitsfehler, sondern die amtliche Beschreibung eines roten medialen Propagandaapparates. Wenn eine Stadt nicht einmal eine vollständige Übersicht über ihre Medienausgaben liefern kann, dann ist das kein technisches Problem. Es ist politisch bequem, denn die Unübersichtlichkeit ist in Wien natürlich politisch gewollt. Unübersichtlich war es aber freilich plötzlich nicht mehr, als es um die Ermittlungen bei Inseraten gegen die ÖVP ging. Die Inseratenaffäre rund um Sebastian Kurz wurde zurecht intensiv untersucht  Der Verdacht, dass mit Steuergeld parteipolitisch nützliche Umfragen finanziert und positive Berichterstattung erkauft worden sein könnten, ist immerhin schwerwiegend. In der sogenannten Inseraten- und Umfrage-Affäre ermittelt die WKStA seit 2021; im Zentrum steht das „Beinschab-Österreich-Tool“, bei dem laut Vorwurf mutmaßlich Steuergeld für türkise Parteiinteressen verwendet worden sein soll. Für alle Beschuldigten gilt dabei selbstverständlich die Unschuldsvermutung.

Ein Problem, zweierlei Interpretationen!

Die politische Heuchelei beginnt nun aber dort, wo man so tut, als hätte erst Kurz das Inseratenrad erfunden. Werner Faymann kannte dieses Spiel lange vor dem türkisen Jungkanzler. In der Faymann-Inseratenaffäre ging es um den Vorwurf, er habe sich als Infrastrukturminister 2007/08 mit teuren Inseratenkampagnen die Gunst des Boulevards erkauft und die Rechnungen dafür von ÖBB und ASFINAG bezahlen lassen. Das Verfahren gegen Faymann und Josef Ostermayer wurde 2013 aber bequemerweise eingestellt; laut Staatsanwaltschaft war kein strafrechtlicher Schaden für ÖBB und ASFINAG nachweisbar. Vielmehr – so die Conclusio – habe die ÖBB profitiert, weil sie ja in der Werbung vorkam.

Man beachte hier die politische Pointe: Bei Faymann endete die Sache mit der Feststellung, es sei kein strafrechtlicher Schaden nachweisbar. Bei Kurz wurde daraus das große Sittenbild einer moralisch verkommenen türkisen Machtmaschine. Der Unterschied mag vielleicht juristisch begründbar sein, politisch aber bleibt ein schaler Nachgeschmack, denn der Bürger sieht nicht Paragrafen, sondern Muster. Er sieht Inserate, Boulevardpflege, öffentliche Gelder, wohlwollende Berichterstattung und parteipolitischen Nutzen und er fragt sich zurecht: Warum ist das eine der Skandal der Republik und das andere nur ein Kapitel einer gelebten Wiener Machtpraxis? Ein Grüner sprach das im „Kurier“ offen an:

ÖVP und SPÖ machen dasselbe. Inserieren und auf gute Berichterstattung „hoffen“. Kurz und Ludwig sind in dieser Frage nicht unterscheidbar, Ludwig gibt sogar mehr pro Kopf aus.

David Ellensohn, damals Klubchef der Wiener Grünen, zitiert im Kurier, https://kurier.at/politik/inland/inseratengeschaefte-stadt-wien-zahlte-170720-euro-fuer-ein-heftchen/401819884

Sündenböcke und Einzelfälle in den Medien

Korruption braucht allerdings nicht nur Täter, sondern auch mediale Erzähler und Richter, die diese aufgreifen oder eben nicht. In Österreich wird die Geschichte von Korruption jedenfalls seit Jahren medial  auffallend asymmetrisch erzählt. Die ÖVP ist die Partei des Postenschachers, die FPÖ ist die „Ibiza-Partei“ der schmutzigen Deals. Die SPÖ ist dagegen die Partei der sozialen Verantwortung mit bedauerlichen Einzelfällen. Diese Rollenverteilung ist bequem für die politische Linke, aber leider auch nicht richtig. Sie verschleiert nämlich, dass die rote Macht in Wien, in anderen Städten und in den staatsnahen Strukturen über Jahrzehnte ein viel größeres System aufgebaut hat, das vielleicht weniger spektakulär, aber nicht weniger wirksam ist: Budgets, Vorfeldorganisationen, Wohnbau, Inserate, Subventionen, Vereine, Medienkontakte, Dienststellen. Mediale Kommunikation kann zudem indirekt auch auf Gerichtsentscheidungen Einfluss nehmen. Bei einem Schöffengericht entscheiden bekanntlich zufällig ausgewählte Menschen  aus der Bevölkerung als Schöffen zu 50 Prozent beim Urteil mit. Diese wiederum lesen freilich Zeitungen und haben sich eine Meinung gebildet.

Aus Sicht des Schöffengerichts hat das Verfahren ganz klar ergeben, dass es sich dabei nicht um die Aneinanderreihung mehrerer Zufälle handelte!

https://orf.at/stories/3428760

Die bürgerliche Rechte stolpert zuletzt freilich oft plump in ihre Affären hinein: Chats, Anrufe, Interventionen, schlechte Ausreden. Die Linke arbeitet da wohl struktureller und sie wird auch offensichtlich weniger enttarnt. Wiens Bürgermeister Ludwig wird mit seinen Untergebenen „chatten“, aber seltsamerweise sehen wir nie Ludwig-Chats oder Faymann-Chats. Die Linke baut vielleicht aber auch einfach geschickter Apparate auf, in denen die kritische Verantwortung zerfliest. Dort gibt es nicht den einen Anruf, sondern Prozesse. Dort gibt es keine besondere Gefälligkeit, sondern Förderrichtlinien, nicht den einen Inseratendeal, sondern eine Kampagnenlogik. Das Ergebnis mag politisch am Ende ähnlich fragwürdig sein, nur ist es juristisch schwerer zu greifen.

Wöginger steht nun symbolisch für eine politische Praxis, die Österreichs Parteien gemeinsam großgezogen haben. Der Fall zeigt – leider – nicht eine Ausnahme, sondern den politisch gelebten Normalfall in einer seit jeher strafrechtlich verwertbaren Form. Genau deshalb ist die Empörung darüber auch so verlogen. Dieselben politischen Milieus, die nun mit staatsbürgerlicher Inbrunst den Untergang der schwarzen Sitten beklagen, leben in ihren eigenen Machtbereichen von ähnlichen Mechanismen. Das entschuldigt Wöginger natürlich nicht. Im Gegenteil: Wer den Staat als Konservativer ernst nimmt, muss gerade bei den eigenen Leuten streng sein. Ein bürgerliches Lager, das von Leistung, Ordnung und Verantwortung spricht, darf Postenschacher nicht als Kavaliersdelikt behandeln. Aber es darf sich auch nicht vom linken Moralkartell einreden lassen, dass nur die Rechte den Staat parteipolitisch missbrauche. Wie alle österreichischen Lebenslügen hält diese nur deshalb so lange, weil zu viele von ihr profitieren.

Fazit

Der Fall Wöginger ist kein Beweis dafür, dass die ÖVP korrupter ist als die SPÖ. Er ist ein Beweis dafür, dass Österreichs alte Machtmechanik manchmal strafrechtlich selektiver sichtbar wird. Der eigentliche Skandal liegt nicht darin, dass ein schwarzer Spitzenpolitiker verurteilt wurde, der Skandal liegt darin, dass ein ganzes Land jahrzehntelang nach diesen Regeln funktioniert hat und nun viele so tun, als hätte das mit dem Angeklagten nichts gemein. Wöginger ist nämlich nicht der Erfinder des Postenschachers. Er ist der Mann, bei dem das System nach Jahrzehnten erstmals ein strafrechtliches Gesicht bekam.

Die linke Reichshälfte sollte sich daher mit ihrem moralischen Triumphgeheul zurückhalten. Wer in Wien gewaltige Inseratenapparate betreibt, wer über Jahrzehnte Vorfeldstrukturen mit öffentlichem Geld füttert, wer Medienpflege als Stadtkommunikation tarnt und Personalpolitik als Gemeinwohl verkauft, sitzt nicht auf einem Hochsitz der politischen Reinheit. Er sitzt im selben Sumpf, nur auf einem besser getarnten Steg. Österreichs Korruptionsproblem ist nicht rechts. Es ist republikanisch und systemimmanent. Solange man aber nur die Korruption der anderen sieht und aus den bekannten Fällen keine systemischen Konsequenzen zieht, bleibt dieses Land ein Selbstbedienungsladen mit Staatswappen.

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Links & Quellen

https://orf.at/stories/3428760

https://kurier.at/politik/inland/inseratengeschaefte-stadt-wien-zahlte-170720-euro-fuer-ein-heftchen/401819884

https://www.rechnungshof.gv.at/rh/home/news/Meldungen_2025/Sparpotenzial_kostenintensive_Medienschaltungen_Stadt_Wien.html