
Es war „nur“ ein Fußballspiel bei der FIFA-WM und doch war es am Ende natürlich mehr als das. Ägypten führte lange gegen Argentinien 2:0, stand mit einem Bein im Viertelfinale, hatte Messi wanken gesehen, hatte den eigenen Traum bereits in den Händen – und verlor am Ende doch 2:3. Aus einer sportlichen Tragödie wurde binnen Minuten ein politisches wie islamistisches Lehrstück. Wir lernen dabei nichts neues über Argentinien, nichts über Messi und auch nichts über den VAR der FIFA, sondern über eine unsympathische wie lächerliche Mentalität, die im Nahen Osten seit Jahrzehnten wie ein schleichendes Gift wirkt: das eigene Scheitern wird nicht analysiert, sondern externalisiert. Schuld sind im Nahen Osten nämlich am Ende meistens die anderen: Diesmal der „unfaire“ Schiedsrichter, oder die FIFA. Generell sind es der Westen, das „System“ und natürlich der Klassiker: Israel und die unsichtbare zionistisch-jüdische Hand. Nur die eigene Unfähigkeit, ein hart erkämpftes 2:0 am Ende auch über die Zeit zu bringen, wird nicht in Frage gestellt. Der ägyptische Trainer Hossam Hassan reagierte so:
„Uns ist Unrecht widerfahren.“ Seiner Meinung nach habe „die argentinische Seite Druck auf den Schiedsrichter ausgeübt“. Als Hassan Argentinien-Fans mit einer Israel-Flagge in der Nähe des Spielertunnels entdeckte, brüllte er die Anhänger an und spuckte sogar aus
Hossam Hassan war selbst im Vorfeld mit einer Palästinaflagge herumgelaufen und hatte das Spiel versucht gegen Israel zu politisieren! Seine Spieler wurden mit Koranversen im „Kampf gegen die Ungläubigen“ vor dem Spiel motiviert und veranstalteten nach Ende der ersten Halbzeit auf dem Platz eine muslimische Gebetsstunde. Es war ein Lehrstück im beleidigten Islamismus. Gerade deshalb war diese ägyptische Niederlage am Ende so entlarvend und wohltuend. Auf dem Rasen von Atlanta sah man zunächst ägyptischen Mut, Disziplin und einen bemerkenswerten Kampf gegen den Weltmeister. Dann sah man Nervosität, Fehler, Kontrollverlust und am Ende die brutale Grammatik des Fußballs: Wer in der Schlussphase wackelt, wird bestraft. Doch Trainer Hossam Hassan sprach nicht von verpassten Chancen, nicht von taktischem Einbruch, nicht von fehlender Abgeklärtheit. Er sprach von Ungerechtigkeit, Einflussnahme und einer WM, die angeblich Richtung Argentinien gelenkt werde. Auf Social Media wurde daraus sofort das vertraute orientalische Welterklärungsritual: Die FIFA habe die Finger im Spiel, Messi müsse aus Marketinggründen weiterkommen, und sogar Israel wurde in den Schuldaltar hineingestellt. Dazu wird auf Social Media ein Video geteilt, wo Messi an der Klagemauer steht, das entstand weil der FC Barcelona (!) vor vielen Jahren eine Friedensreise nach Israel unternommen hatte und mit Israelis wie Palästinensern damals Fussball spielte. Fox Sport Experte und Fussballikone Zlatan Ibrahimovic fand dazu die richtigen Worte:
„Jedes Mal, wenn Messi gewinnt, fangen die Leute plötzlich an, über Verschwörungen zu sprechen. Es ist immer wieder dieselbe Geschichte. Anstatt eine Niederlage zu akzeptieren, suchen sie nach Ausreden. Wenn man 2:0 führt und das Spiel trotzdem nicht gewinnt, sollte man nicht das Marketing, die Schiedsrichter oder das Turnier verantwortlich machen. Man sollte zuerst auf sich selbst schauen. Der Fußball verzeiht keine Fehler, schon gar nicht bei einer Weltmeisterschaft.
Ich habe keinen Respekt vor solchen Ausreden. Ein Nationaltrainer sollte mit gutem Beispiel vorangehen, indem er Verantwortung übernimmt, statt Erzählungen zu schaffen, die von dem ablenken, was auf dem Platz passiert ist. Argentinien hat bis zum Ende gekämpft und sich dieses Ergebnis verdient. Wenn man verliert, muss man es akzeptieren, daraus lernen und stärker zurückkommen. Genau darum geht es im Fußball.“
Zlatan Ibrahimović: Analyse nach den Manipulationsvorwürfen Hossam Hassans, zitiert nach https://x.com/Sage_FCB/status/2074661358843617697

Das tolle Spiel, das kein Komplott brauchte
Die Fakten sind schnell erzählt. Ägypten ging bei der FIFA WM durch Yasser Ibrahim früh in Führung, Torhüter Mostafa Shobeir parierte einen Elfmeter von Lionel Messi, später erhöhte Mostafa Zico auf 2:0. Dann aber kam der Kollaps: Cristian Romero traf in der 79. Minute, Messi glich vier Minuten später aus, und Enzo Fernández köpfelte in der Nachspielzeit das 3:2. Sky Sports fasste die Dramaturgie nüchtern zusammen: Argentinien kam von zwei Toren Rückstand zurück und gewann in Atlanta durch einen Treffer in der Nachspielzeit. Natürlich gab es auch strittige Szenen. Ein ägyptisches Tor wurde nach VAR-Check zu recht aufgrund eines Foulspiels davor aberkannt, und später forderte Ägypten ohne Erfolg einen Elfmeter. Das ist der Fußball und sowohl der Schiedsrichter wie der VAR ist keine himmlische Offenbarung, sondern ein technisches Instrument, das menschliche Deutung nicht abschafft. Die meisten Beobachter kamen in ihrer Analyse jedenfalls auch zum Schluss, dass der aberkannte Treffer korrekt zurückgenommen wurde und das die ägyptischen Elfmeterforderungen durch den VAR geprüft wurden, ohne dass ein klarer Fehler des Schiedsrichters festgestellt worden ist.
Das ist der entscheidende Punkt: Man kann über Entscheidungen diskutieren. Man kann über Maßstäbe streiten. Man kann den VAR kritisieren, den Schiedsrichter und die Auslegung einzelner Zweikämpfe. Was man aber nicht kann, ohne sich selbst politisch wie sportlich zu entblößen, ist aus einer vergebenen 2:0-Führung ein Weltkomplott zu destillieren. Wer drei Tore in 14 Minuten kassiert, braucht keinen Mossad, keine FIFA-Geheimloge und keine Marketingabteilung als Erklärung. Er braucht bessere Innenverteidiger, mehr Kondition, bessere Nerven und einen Trainer, der vor wie nach dem Spiel auch Verantwortung übernimmt. Ägypten ist übrigens zu 10 Prozent christlich und war mal eine durchgehend christliche Nation. Wenn nun Spieler wie Trainer vor dem Spiel gegen die Ungläubigen anbeten, dann verdammen sie nicht nur den Rest der Welt sondern auch die christlichen Kopten, Ägyptens Urbevölkerung. Da fällt einem nur noch ein Attribut ein: Maximal unsympathisch. Christliche Nationen haben es nämlich nicht nötig beim Spiel gegen ein muslimisches Land sofort in Kreuzzugsrhetorik zu verfallen!
Ägyptens Trainer Hossam Hassan tat das Gegenteil. Er erklärte den Schiedsrichter für unfair, sprach von einer WM, die Richtung Argentinien gelenkt werde, und behauptete, Argentinien habe Unterstützung auf allen Ebenen erhalten. Das alles sind Aussagen eines sehr schlechten Verlierers und eine Opferliturgie bei einer offiziellen Pressekonferenz aber definitiv kein seriöses Führungsverhalten. Hassan hätte stattdessen Verantwortung übernehmen müssen a la: Wir waren großartig, aber wir haben die letzten Minuten nicht überstanden. Oder er hätte sagen können: Wir müssen lernen, ein Spiel zu schließen. Damit hätte er seinen Spielern die Würde des Scheiterns gelassen, aber stattdessen lieferte er ihnen die süße Droge des Selbstbetrugs. Eine Nation, die sich betrogen glaubt, muss nämlich nicht mehr lernen oder besser werden. Sie muss nicht trainieren oder reflektieren, sondern sie kann einfach nur beleidigt anklagen. Noch grotesker wurde es, als der frühere ägyptische Stürmer Mido behauptete, ein Sieg Ägyptens wäre für die FIFA ein finanzieller Skandal gewesen, weil Argentinien und Messi Sponsorenmillionen sichern würden. Dass Argentinien in den letzten Minuten einfach mehr Charakter, mehr Qualität und mehr Kaltblütigkeit zeigte, passt nicht in diese Erzählung. Also wird es ignoriert, umgedeutet und geleugnet.
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Der nahöstliche Schuldkomplex
Hier beginnt der politische Kern der Sache. Der Nahe Osten leidet nicht nur unter schlechten Regierungen, Korruption, Clanlogik, wirtschaftlicher Rückständigkeit und religiöser Erstarrung. Er leidet auch unter einer lange tief eingeübten Kultur der Verantwortungsverweigerung. Niederlagen und eigene Armut werden selten als Folge eigener Fehlentscheidungen und einer schwachen unerfolgreichen eigenen Kultur gelesen. Sie werden stets als Demütigung durch äußere Mächte gedeutet: Entweder war es der Westen, die Kolonialgeschichte, oder natürlich Israel und hier Argentinien und eine korrupte FIFA. Dem Autor dieser Zeilen wurde auf einer Reise im Nahen Osten etwa von einem Führer ernsthaft erzählt, dass Israel (!) daran schuld sei warum auf der arabischen Halbinsel Erz nicht vor Ort raffiniert wird! Die Unfähigkeit der eigenen arabischen Diktaturen das selbst zuwege zu bringen, wurde so schön kaschiert! Marx hätte wohl gesagt: Opium für das Volk!
Der Islam und die ihn umgebende Kultur ist dabei nicht die einzige Ursache, aber in vielen Milieus am Ende doch die metaphysische Füllung dieses Schuldkomplexes. Wo Politik, Religion und Ehre miteinander verschmelzen, wird jahrhundertelanges Scheitern schwer erträglich. Denn wer sich selbst als moralisch höherstehend, religiös gesegnet und historisch gekränkt begreift, kann eine Niederlage nicht einfach als Niederlage akzeptieren. Sie muss dann eine Prüfung, eine Intrige oder eine Verschwörung sein. So wird aus einer defensiven Schwäche ein Angriff auf die eigene Würde. Aus einem VAR-Check wird ein Kreuzzug und aus Messis Sieg wird ein Werkzeug dunkler Mächte. Die Ursachen dieser Mentalität liegen freilich woanders: Die arabische Welt liegt wirtschaftlich seit mehr als 5 Jahrhunderten weit zurück und prosperiert heute nur da wo westliche Firmen und westliche Geologen einst Erdöl fanden und zu fördern begannen.
Man sah diese religiöse Aufladung bereits während des FIFA-WM-Spiels. In sozialen Medien kursierten Szenen, in denen ägyptische Spieler beim Halbzeitpfiff auf dem Rasen Sujūd verrichteten, also eine muslimische Niederwerfung beziehungsweise Dankesgeste. Niemandem ist privates Gebet zu verbieten. Jeder Spieler darf glauben, hoffen, danken. Aber wenn der Rasen zur Gebetsmatte wird und die Niederlage danach trotzdem kommt, müsste die nüchterne Lehre lauten: Der Himmel schießt keine Tore, verteidigt keine Flanken und hält keine Konzentration in der 93. Minute. Wer göttliche Unterstützung erfleht und missversteht, der steht am Ende mit frommer Pose und verlorenem Spiel da und darf nach Hause reisen.

Wenn Israel sogar am Fußballaus schuld sein soll
Besonders absurd wurde die Debatte durch die – im Nahen Osten übliche – Israel-Volte. Während argentinische Fans nach dem Spiel feierten, wurde in den Rängen eine (!) israelische Flagge gezeigt. Der islamistische Sender Al Jazeera berichtete, dass manche dies als Provokation gegen Hossam Hassan verstanden, der zuvor Ägyptens Sieg gegen Australien den Menschen in Gaza gewidmet hatte. Laut AP hatte Ägyptens Trainer Hassan nämlich bereits beim Spiel davor (!) die palästinensische Sache bei dieser WM mit einer Flagge sichtbar auf die Bühne gebracht. Hassan politisierte also den Sport als Kampf gegen Israel und nach der Niederlage suchten islamische und linke Influencer daher die Schuld beim Phantasiegegner Israel. Aus diesem haarsträubenden Unsinn bastelte ein Teil der digitalen Öffentlichkeit dann sofort eine politische Opfermythologie: Diverse YouTube- und Instagramvideos tauchten unisono auf mit Titeln a la Ägypten habe gegen „Zionismus, Schiedsrichter, FIFA und Argentinien“ verloren. Hasserfüllte Kommentatoren (inklusive amerikansicher linker Aktivistinnen) sprach von einem „FIFA-Israel-System gegen Ägypten“ und verbanden die Niederlage mit Hassans palästinensischer Symbolik. Sie stellten Argentinien dann politisch in die Nähe Israels.
Genau darin liegt die ganze Tragikomik des Nahen Ostens und seiner dummen Unterstützer im Westen: Eigene porlitische Provokationen und dann als Replik eine einzelne gegnerische Flagge im Stadion genügten, und schon wurde aus einem Fußballspiel ein geopolitisches Schicksalsdrama. Israel muss im arabischen Empörungsapparat offenbar selbst dann schuld sein, wenn Ägypten gegen Argentinien in Atlanta drei späte Gegentore kassiert. Das alles ist ein Reflex: Israel wird zur universellen Chiffre für alles, was nicht in das eigene Selbstbild passt. Der Ball fliegt ins Tor, aber schuld ist Tel Aviv. Der Verteidiger verliert den Zweikampf, aber schuld ist Zionismus. Der Trainer verliert die Kontrolle, aber schuld ist die böse böse Weltordnung.
Gerade deshalb traf Zlatan Ibrahimović den Nerv. Seine Analyse war so treffend, wie sie einfach war. Wenn man 2:0 führt und am Ende verliert, muss man zuerst in den Spiegel schauen. Nicht nach Zürich zur FIFA, nicht nach Jerusalem oder nach Washington oder Buenos Aires. Das ist die Klarheit des Leistungssports und des Fair Game: Es kennt Mitgefühl, aber keine Ausreden, es bringt einem Tragik, aber keine kollektive Selbstentlastung. Der Leistungssport auf hohem Niveau kennt Fehler und bestraft sie radikal. Zlatan sprach damit aus, was moderne Funktionärssprache oft nicht mehr wagt: Verantwortung ist nicht optional. Sie ist die Grundlage jeder Entwicklung. Wer aus Niederlagen nur Anklageschriften gegen andere macht, wird nie besser. Das gilt im Fußball, aber es gilt auch für Gesellschaften. Der nahöstliche Schuldkomplex ist daher eine Krankheit: Er verlegt die Ursache des eigenen Scheiterns systematisch nach außen und immunisiert sich so gegen jede Reform und wird weiter scheitern.
Fazit
Ägypten hätte diese Niederlage als nationale Reifungsprüfung nutzen können. Man hätte sagen können: Wir haben Geschichte geschrieben, wir waren nah dran, aber uns fehlt die Abgeklärtheit der ganz Großen. Stattdessen bot man einer ganzen Generation junger Fans das alte Gift an: Wir wurden betrogen. Es ist der bequeme Trost der Schwachen. Und er ist gefährlich, weil er aus realem Schmerz politische Paranoia macht. Sportlich hat Ägypten bei dieser WM viel erreicht: Erster Sieg, erste K.-o.-Phase, großer Kampf gegen den Weltmeister. AP sprach von der besten WM-Leistung in der Geschichte der ägyptischen Nationalmannschaft, die erstmals ein Spiel gewann und erstmals in die K.-o.-Runde einzog. Genau deshalb ist die nachträgliche Propaganda so unnötig. Sie verkleinert eine gute Leistung, statt sie zu ehren. Sie sagt den Spielern nicht: Ihr wart stark. Sie sagt ihnen: Ihr seid Opfer.
Ägyptens Niederlage gegen Argentinien war dramatisch, bitter und für die Spieler zweifellos grausam. Aber sie war keine Weltverschwörung. Sie war ein Fußballspiel, in dem eine Mannschaft 79 Minuten lang groß war und dann in wenigen Minuten zusammenbrach. Das ist brutal. Aber genau diese Brutalität macht den Fußball wahrhaftiger als viele politische Debatten. Am Ende zählt nicht, wer sich moralisch überlegen fühlt und wer die besseren Gebete oder die bessere Religion hat. Am Ende zählt, wer den letzten Zweikampf gewinnt, wer die Flanke verhindert, wer den Strafraum verteidigt und wer unter Druck nicht zerfällt. Der Ball kennt nämlich keine Opfererzählung: Er rollt weiter.
Die eigentliche Lehre lautet daher: Wer immer nur die Schuldigen außerhalb sucht, bleibt Gefangener der eigenen Schwäche. Das gilt für Ägypten, das gilt für den Nahen Osten, und es gilt in anderer Form auch für Europa. Religion kann Menschen trösten, Politik kann Identität stiften, Geschichte kann erklären. Aber nichts davon ersetzt Verantwortung. Die ägyptischen Spieler beteten auf dem Rasen, doch das Spiel wurde nicht im Himmel entschieden. Es wurde in Atlanta entschieden, in der 79., 83. und 93. Minute. Genau dort, wo keine Propaganda mehr hilft und wo Gebete versagen. Dort am Platz, wo die Ausreden enden und die Wahrheit beginnt.
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