
Deutschland im Jahr 2026: Ein Feuerwehrmann verliert nach dem Abspielen der ersten Strophe des Deutschlandlieds alle seine Ämter bei der Feuerwehr. Dieser Fall aus Bad Belzig zeigt eines: In Deutschland genügt heute oft schon der historische Klang des vermeintlich moralisch (nicht faktisch!) Verbotenen, damit jede historische Einordnung eines nationalen Symbols wie der eigenen Hymne durch moralische Reflexe ersetzt wird. Die deutsche Nationalhymne ist so ein absurder Fall, wo heute zwar die dritte Strophe gesungen wird, man aber die erste und zweite Strophe schamhaft verschweigt, beziehungsweise sogar jene „cancelt“, welche die Hymne in voller Länge abspielen. Das hat natürlich mit einer gewissen Interpretation von Geschichte zu tun.
Der Feuerwehrmann Richard Münder aus Bad Belzig hat wegen der geächteten ersten Strophe des Deutschlandlieds bei Feuerwehrmeisterschaften in Sachsen seine Ämter verloren.
Gerade das ist rational historisch betrachtet eigentlich ein Skandal, der demonstriert wie gering das historische Wissen und das nationale Bewusstsein zu Deutschlandlied und Flagge in Deutschland ausgeprägt sind. Denn die erste Strophe des Deutschlandlieds wurde von den Nationalsozialisten zwar propagandistisch missbraucht, allerdings gab es neben dem „Deutschlandlied“ das „Horst-Wessel-Lied“, welches die eigentliche NS-Hymne war! Aus diesem Missbrauch nun nachträglich den Ursprung des Textes des Deutschlandliedes umzudeuten, ist deshalb zwar auf den ersten Blick naheliegend, intellektuell und historisch aber schlicht völlig falsch. Das Deutschlandlied war nämlich nicht einmal die Hymne des kaiserlichen Deutschlands, sondern wurde erst 1920 auf Initiative des Sozialdemokraten Friedrich Ebert zur Nationalhymne der demokratischen Weimarer Republik gewählt.
Wer wissen will, warum Hoffmann von Fallersleben 1841 „Deutschland, Deutschland über alles“ schrieb, darf nicht ins Jahr 1933 schauen, sondern natürlich ins Jahr 1840. In dieser Ära von politischer Uneinigkeit, Zwist und nationaler Unzufriedenheit startete Frankreich nämlich eine imperialistische Debatte darüber, das deutsche Rheinland kriegerisch zu annektieren. Sowie Putins Russland vor 2022 über die Ukraine debattierte, träumte man im Paris des Jahres 1840 davon, aus urdeutschen Städten wie Köln, Aachen und Mainz französische Provinzorte zu machen. Das Deutschlandlied war dann eine defensive (!) Antwort des Dichters Fallersleben auf diese imperialen kriegerischen französischen Gelüste! Die Anfangszeile „Deutschland, Deutschland über alles“ fordert deshalb dazu auf, die Einheit Deutschlands (!) höher zu schätzen als die Fürsten der zahlreichen Einzelstaaten des damaligen Deutschen Bundes.

Der französische Größenwahn am Rhein
Die Rheinkrise von 1840 war kein folkloristischer Nebenkriegsschauplatz des 19. Jahrhunderts, sondern ein Schlüsselmoment deutscher Nationsbildung. Nach der außenpolitischen Demütigung Frankreichs in der Orientkrise gegenüber Großbritannien, wurden in Paris im Zuge innenpolitischer Skandale, Debatten und aufgrund der herrschenden politischen Instabilität wieder imperiale Sirenengesänge laut: Der Rhein müsse die „natürliche Grenze“ Frankreichs sein. Diese Forderung wurde nonchalant erhoben, obwohl im Rheinland westlich des Rheins keine Franzosen sondern damals wie heute Millionen Deutsche lebten. Im Deutschen Bund wurden diese französischen Annexionsgelüste nicht als innenpolitische Debatte interpretiert, sondern zurecht als eine handfeste Drohung. Die Folge war eine politische und kulturelle Mobilisierung, die den Rhein plötzlich zum Symbol nationaler Selbstbehauptung machte. Die Forschung beschreibt genau diese Krise als Propagandaschlacht um den Rhein; aus ihr erwuchs ein regelrechter „Dichterkrieg“.
Frankreich spielte dabei die vertraute negative Rolle, die es in Mitteleuropa so oft gespielt hat: Es war der alte imperiale Aggressor, der noch in fast jeder Generation seinen militärisch-politischen Instinkt zur Grenzverschiebung zu Ungunsten von Deutschland ausleben wollte. Die Rede von der „natürlichen Grenze“ war nichts anderes als ein elegant vorgetragenes Annexionsprogramm. Zuletzt hatte man die Rheingrenze nämlich in der Zeit der napoleonischen Kriege kontrolliert. Französische Politiker nannten es „natürlich“, meinten aber machtpolitisch eine Vorherrschaft in Mitteleuropa. Dass dann ausgerechnet diese aufgeblasene französische Rheingrenzen-Rhetorik im zersplitterten Deutschland den Wunsch nach Einigkeit befeuerte, ist eine jener Ironien der Geschichte, die man heute im Geschichtsunterricht gerne leider unterschlägt.

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Das Deutschlandlied: Antwort auf Zersplitterung, nicht Aufruf zur Weltherrschaft!
In genau dieser aufgeheizten Atmosphäre schrieb der deutsche Dichter Hoffmann von Fallersleben am 26. August 1841 auf der kleinen Insel Helgoland dann das „Lied der Deutschen“. Das Deutsche Historische Museum beschreibt es ausdrücklich als Ausdruck der Sehnsucht nach nationaler Einheit; zugleich gilt die erwähnte Rheinkrise als der konkrete Anlass. Das Lied entstand also am Schnittpunkt von einer wahrgenommenen Bedrohung von außen und aufgrund einer gefühlten politischen Ohnmacht im Inneren. Deutschland war 1840 schließlich kein geeinter Nationalstaat, sondern ein Flickenteppich aus vielen, oft kleinen Fürstentümern und deren Partikularinteressen und kleinlichen Souveränitäten. Wer nun den Text des Deutschlandliedes nur mit dem Wissen des 20. Jahrhunderts liest, der verfehlt den politischen Nerv des Vormärz vollständig.
Genau deshalb bedeutet etwa die Zeile „Deutschland, Deutschland über alles“ ursprünglich eben genau eines NICHT: Deutschland über andere Völker. Sie stand damals für den Wunsch, ein vereintes Deutschland über alles zu stellen, was die Deutschen damals voneinander trennte, seien das diverse Dynastien, Kleinstaaterei, Provinzialegoismen oder Fürstenneurosen. Man wollte keinen weiteren 30-jährigen Krieg, wo ausländische imperiale Mächte wie Frankreich aus Deutschland ein Schlachtfeld ihrer Interessen machen konnten. Die nationale Priorität der Patrioten wie von Fallersleben galt der Einheit des Vaterlandes, nicht der Unterwerfung fremder Nationen. Es war somit ein positiver Patriotismus, wie er auch heute völlig im normalen Rahmen liegt. Wer aus dem Liedtext aber nun rückwirkend einen „Nazi-Satz“ macht, betreibt keine historische Aufklärung, sondern vielmehr eine semantische Ignoranz der Geschichte. Alle seriösen Darstellungen zur Hymnengeschichte verweisen darauf, dass das Lied ein Appell gegen die Kleinstaaterei und für die politische Einigung der Deutschen war.

NS-Missbrauch ändert nicht den Ursprung
Freilich ist die erste Strophe dann in der Zeit des Nationalsozialismus neu aufgeladen und damit politisch verbrannt worden. Die deutsche Bundeszentrale für politische Bildung hält dazu fest, dass die Nationalsozialisten die Hymne im Sinne ihrer Diktatur umdeuteten und die erste Strophe zusammen mit dem Horst-Wessel-Lied sangen. Das ist der historische Grund, warum sie heute nicht Teil der Nationalhymne ist! In der Bundesrepublik nach 1945 gilt nur die dritte Strophe mit „Einigkeit und Recht und Freiheit“ als Hymne. Aus der späteren totalitären Umdeutung folgt aber eben nicht, dass der Ursprung des Deutschlandliedes selbst totalitär gewesen wäre. Ein Text kann entstellt werden, ohne deshalb in seiner Geburt schon entstellt gewesen zu sein. Niemand singt heute mehr das Deutschlandlied mit dem Horst-Wessel-Lied und deshalb ist es historisch gesehen nicht angebracht, das Deutschlandlied weiterhin in einen NS-Kontext zu setzen. Es sollte daher faktisch nichts dagegen sprechen, das Deutschlandlied in voller Länge zu spielen. Rechtlich verboten ist es ohnehin nicht!
Gerade darin liegt die Absurdität der heutigen Debatte. Deutschland behandelt viele eigene Symbole, als wären sie nicht von der Geschichte missbraucht, sondern von ihr hervorgebracht worden. Das ist aber ein fundamentaler Unterschied. Die erste Strophe stammt aus einer Situation des defensiven Patriotismus aus dem Jahr 1841: Aus der Angst vor französischer Expansion und aus dem Wunsch, den deutschen Raum politisch zu einen, um überhaupt widerstandsfähig zu sein. Sie war also das Kind einer bedrohten Selbstbehauptung, nicht eines eliminatorischen nationalsozialistischen Größenwahns. Wer das nicht mehr unterscheiden kann, hat nicht zu viel, sondern zu wenig Geschichtsbewusstsein. NS-Symbole kann man deswegen natürlich verbieten, aber das Deutschlandlied ist zum Glück keines davon! Jemanden nun zu entlassen, weil er eine „Heino-Version“ des Deutschlandsliedes bei einer Siegerehrung abgespielt hat (sei es als Fehler, Unachtsamkeit oder gar Provokation), ist deshalb wohl nicht angebracht.
Fazit
Wir haben also mit dem Deutschlandlied ein Stück mitteleuropäischer (auch Österreich umfassender) Geschichte, das ursprünglich aus dem defensiven Wunsch einer Einheit aller Deutschsprachigen über eine französische Aggression heraus entstand und das erst dank eines demokratisch gewählten Sozialdemokraten Nationalhymne wurde. Die erste und zweite Strophe des Deutschlandlieds sind also nicht heilig, sie müssen nicht gesungen werden, aber sie sind auch absolut nicht das, wozu sie der deutsche Nachkriegsmoralismus umgedeutet hat. Ihr Ursprung liegt in der Rheinkrise von 1840, also in einem Moment französischer verbaler Kriegspolitik und deutscher Verunsicherung. Hoffmann von Fallersleben schrieb 1841 keinen Hymnus auf Eroberung, sondern einen Appell an ein zersplittertes Volk, sich in einer gefährlichen Lage endlich als politische Einheit zu begreifen. Das Lied steht somit für ein verständliches Nationalbewusstsein aus der politischen Defensive heraus und nicht für den Wahn einer rassischen oder politischen Überlegenheit.
Die eigentliche Lehre des Umgangs in Deutschland mit seiner Hymne ist daher die folgende: Der historische Missbrauch durch die Nazis tilgt eben nicht den ursprünglichen Sinn eines Textes. Wer die erste Strophe heute pauschal als „Nazi“ erklärt, kapituliert vor der eigenen Geschichte und übernimmt am Ende sogar die politische Umdeutung der Nationalsozialisten, wonach die eigene Bewegung und ihre Ideen als finale Wahrheit der deutschen Geschichte verkauft wurde. Verfasst wurde es übrigens vom Dichter ausdrücklich zur Melodie der alten Habsburger-Kaiserhymne „Gott erhalte Franz, den Kaiser“ von Joseph Haydn (1797), die bis 1918 die österreichische Hymne gewesen war. Das Deutschlandlied war damit ein bewusster historischer Appell alle Deutschsprachigen zusammenzuführen!
Ein erwachsenes selbstbewusstes Deutschland mit einem gewissen historischen Bewusstsein müsste 2026 längst dazu fähig sein, zwischen Entstehung und vermeintlicher Entstellung eines Liedes zu unterscheiden. Solange es das nicht kann, wird es bei jeder schwarz-rot-goldenen Regung weiter zusammenzucken wie ein nervöser Patient. Im faschistischen Vichy-Frankreich war etwa ebenso wie heute im demokratischen Frankreich die „Marseillaise“ die Nationalhyme. Dennoch haben sich die Franzosen davon nicht verabschiedet und bei jedem Wechsel der Staatsform – und das waren in Frankreich in den letzten 250 Jahren einige – gleich eine neue Hymne gedichtet. Auch die deutsche Flagge Schwarz-Rot-Gold hat weder mit Kaiserzeit, noch NS-Zeit irgendetwas zu tun: Sie war die Flagge der demokratischen Revolutionäre von 1848. Wenn die politische Linke in Deutschland nun ausgerechnet diese Flagge ablehnt, dann demonstriert sie ein völlig ahistorisches Geschichtsverständnis.
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