Der Exodus der Klugen: Warum Europa Tech-Eliten wie Steinberger verliert!

Es sind nicht die lauten Pleiten, die Europas wirtschaftlichen Niedergang im Tech-Zeitalter des Jahres 2026 einläuten. Es sind die leisen Abgänge —  kein Skandal, kein Gerichtsprozess, kein politischer Paukenschlag, sondern eine nüchterne Mitteilung auf der Plattform X (vormals Twitter): Ein österreichischer Entwickler packt seine Koffer und geht in die Vereinigten Staaten. Wieder einmal. Diesmal trifft es keinen x-beliebigen IT-Freiberufler, sondern einen der profiliertesten Tech-Unternehmer des Landes: Peter Steinberger, Gründer von PSPDFKit und Schöpfer des viralen KI-Agenten OpenClaw. Seit Februar 2026 arbeitet er nun bei dem Silicon Valley Milliardenkonzern OpenAI in den USA.

Was dem folgte war keine patriotische Abschiedsrede, sondern eine leise, aber inhaltlich schonungslose Abrechnung mit Europa. Steinberger sprach aus, was viele im Tech-Sektor hinter vorgehaltener Hand längst denken: Während in den USA Innovationsbegeisterung herrscht, dominiert hierzulande das Misstrauen. Während man im Silicon Valley an der Zukunft baut, debattiert Brüssel über Risikoformulare. Während amerikanische Gründer an der nächsten Disruption arbeiten, verheddert sich Europa im Paragraphendschungel. Der Fall Steinberger ist natürlich kein Einzelfall, sondern nur der letzte große dramatische Fall in den Jahrzehnten, in denen Europa den digitalen Anschluss an die USA und auch China verpasst hat. Der Fall Peter Steinberger ist damit ein Symptom für ein Europa, das zu einem Industriemuseum wird, welches nur mehr die Autohüllen baut und dann Betriebssysteme aus den USA importieren muss.

Peter Steinberger; Quelle: https://steipete.me/about

„In Europa erklärt man dir zuerst, was alles nicht geht“

Steinberger benannte seine Gründe für den Abschied aus Europa offen. Auf X schrieb er sinngemäß, in den USA erlebe er eine Kultur der Begeisterung für technologische Durchbrüche, während er in Europa vor allem mit Warnungen, Regulierungsforderungen und Bedenkenträgerei konfrontiert worden sei. Seine Kritik zielte auf ein Grundmuster europäischer Politik: Innovation wird hier reflexartig als Risiko begriffen – nicht als Chance.

„In den USA herrscht Begeisterung für Innovation – in Europa werde ich zuerst mit Forderungen nach Regulierung und Vorsicht konfrontiert.“

Peter Steinwender auf X

Diese Gegenüberstellung ist brutal, aber treffend. Während amerikanische Investoren KI-Startups mit Milliarden finanzieren, ringt Europa mit der Frage, wie man algorithmische Diskriminierung bereits im Entstehungsstadium unterbinden könne. Die Prioritäten sind entlarvend: Der alte Kontinent reguliert, bevor er überhaupt etwas innovatives Digitales produziert.

OpenClaw ist ein von Peter Steinberger entwickelter, viraler KI-Agent, der die Interaktion zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz radikal vereinfachen soll. Im Kern handelt es sich um ein autonom agierendes System, das Aufgaben eigenständig plant, ausführt und iterativ verbessert – also nicht bloß auf einzelne Prompts reagiert, sondern komplexe Workflows orchestrieren kann. OpenClaw verbindet moderne Sprachmodelle mit praktischer Entwickler-Infrastruktur und zielt darauf ab, KI produktiv in reale Arbeitsumgebungen zu integrieren – von Code-Generierung über Automatisierung bis hin zu datengetriebenen Entscheidungsprozessen. Durch seinen offenen Ansatz und die Community-Orientierung wurde OpenClaw rasch zu einem Symbol für die neue Generation europäischer KI-Innovation.

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Der AI Act: Schutzschild oder Innovationsbremse?

Mit dem seit 2025 schrittweise in Kraft tretenden EU AI Act wollte die Europäische Union weltweiter Vorreiter in „vertrauenswürdiger KI“ sein. Herausgekommen ist ein bürokratisches Monstrum, das gerade junge Unternehmen überproportional belastet. Über 30 europäische Gründer und Investoren forderten in einem offenen Brief eine Pause der Umsetzung. Ihr Argument: Die Compliance-Kosten drohen Startups und KMUs zu erdrücken.

Das Problem liegt nicht nur in der Regulierung selbst, sondern in ihrer Systematik. Großkonzerne verfügen über eigene Rechtsabteilungen und Compliance-Offiziere – ein Zwei-Mann-Startup jedoch nicht. Wer Innovation in Risikoklassen einteilt und Dokumentationspflichten ausweitet, fördert am Ende die Marktbereinigung zugunsten kapitalkräftiger Konzerne – ausgerechnet jener, die man politisch so gern kritisiert.

Besonders brisant sind die unklaren Regelungen für Open-Source-KI-Modelle. Projekte wie Steinbergers OpenClaw leben von Agilität und Community-Dynamik. Werden sie regulatorisch in die Nähe „hochriskanter Systeme“ gerückt, entsteht ein Klima der Rechtsunsicherheit und Rechtsunsicherheit ist der Tod jeder Gründerszene.

Innovationsbremsen

Entwickler Steinberger sprach in seinem ZIB-2-Interview mit Armin Wolf aber auch einen anderen heiklen Punkt an: die Arbeitskultur. Bei OpenAI wird – so seine Darstellung – teils sechs bis sieben Tage pro Woche gegen entsprechende großzügige Bezahlung gearbeitet. In Europa wäre ein solches Modell in dieser Form arbeitsrechtlich kaum möglich. Man mag das sozialpolitisch begrüßen,  im globalen Wettbewerb zählt jedoch Geschwindigkeit. Europa aber verteidigt sein starres Arbeitsrecht wie ein sakrosanktes Dogma. Tech-Startups sind aber keine normalen Unternehmen: Sie stehen im globalen Wettbewerb und leben von Phasen extremer Intensität. Wer jede Überstunde als moralisches Vergehen brandmarkt, sollte sich nicht wundern, wenn Gründer dorthin gehen, wo unternehmerische Eigenverantwortung höher gewichtet wird als paternalistische Fürsorge. Das bedeutet freilich nicht, dass man amerikanische Arbeitsbedingungen idealisieren soll,  aber man sollte auf jeden Fall ehrlich anerkennen, dass Flexibilität ein Standortfaktor ist. Wer diese kategorisch verweigert, verliert.

Im Januar 2026 kündigte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in Davos die Initiative EU INC an – das sogenannte „28th Regime“. Die Idee klingt bestechend: Eine digitale Gründung binnen 48 Stunden, ein einheitliches europäisches Regelwerk für alle 27 Mitgliedsstaaten, standardisierte Corporate Governance, vereinfachte Mitarbeiterbeteiligungen. Sollte dieses Projekt konsequent umgesetzt werden, wäre es tatsächlich ein Gamechanger. Denn eines ist unbestreitbar: Die rechtliche Fragmentierung Europas macht grenzüberschreitende Skalierung teuer und kompliziert. Ein Startup muss sich durch 27 unterschiedliche Rechts- und Verwaltungssysteme kämpfen und der Teufel steckt im Detail. EU INC kann weder Steuerrecht noch Arbeitsrecht harmonisieren. Nationale Egoismen blockieren zentrale Reformen. Was als Befreiungsschlag gedacht war, droht verwässert zu werden. Steinberger nannte die Initiative bereits „verwässert“ – ein hartes Urteil, aber leider nicht aus der Luft gegriffen.

Noch gravierender ist die Finanzierungslücke. Der Draghi-Report von 2024 bezifferte die jährliche Investitionslücke gegenüber den USA mit 700 bis 800 Milliarden Euro. Venture-Capital-Investitionen in der EU liegen bei rund 0,3 Prozent des BIP – in den USA ist es etwa dreimal so viel. Solange europäische Pensionsfonds ihr Kapital vor allem in Staatsanleihen parken, während amerikanische Fonds aggressiv in Tech investieren, bleibt das Kräfteverhältnis unausgewogen. Die Vollendung der Kapitalmarktunion ist seit Jahren ein politisches Versprechen. Umgesetzt wurde wenig. Ohne tiefere Kapitalmärkte, ohne eine europäische ARPA-ähnliche Hochrisikoagentur, ohne mutige Pensionsfonds-Reformen wird jeder AI Act zur Farce. Man kann nicht Innovation beschwören und ihr gleichzeitig die finanzielle Basis entziehen.

Das kulturelle Problem: Angst vor dem Scheitern

Neben Regulierung und Kapital gibt es einen dritten, oft verdrängten Faktor: Mentalität. Europa ist risikoavers. Scheitern gilt als Makel, nicht als Lernprozess. In den USA hingegen ist ein gescheitertes Startup oft ein Karriereschritt. Talentströme folgen der Opportunitätsdichte und solange das Silicon Valley als Epizentrum wahrgenommen wird, wandern Entwickler dorthin. Kein in den letzten 50 Jahren in der EU gegründetes Unternehmen hat eine Marktkapitalisierung von über 100 Milliarden Euro erreicht, ohne Europa zu verlassen. Das ist kein Zufall, sondern strukturelle Realität. Steinbergers Wechsel ist daher rational. Er geht dorthin, wo die kritische Masse an Kapital, Talent und Risikobereitschaft existiert. Man könnte ihm das moralisch vorwerfen,  man könnte sich aber auch fragen, warum wir diese Dichte nicht selbst erzeugen.

Fazit

Europa braucht keinen kosmetischen Reformversuch, sondern einen parallelen Befreiungsschlag.                                    Erstens: Vereinfachte Compliance-Regeln und echte Regulatory Sandboxes für KI-Startups. Zweitens: Eine konsequent umgesetzte EU INC, nicht als politisches Feigenblatt, sondern als radikale Vereinheitlichung. Drittens: Vollendung der Kapitalmarktunion und Öffnung institutioneller Anleger für Wagniskapital. Viertens: Flexiblere arbeitsrechtliche Modelle für Tech-Unternehmen. Fünftens: Eine gesellschaftliche Neubewertung von Risiko und Scheitern.                                                    All das aber erfordert Geschwindigkeit und genau hier liegt Europas Kernproblem. Während in Washington und San Francisco innerhalb weniger Monate Milliarden mobilisiert werden, versinken wir in Konsultationsrunden.

Der Fall Peter Steinberger ist kein persönlicher Karriereschritt eines innovativen Unternehmers. Er ist ein Menetekel. Wenn selbst erfolgreiche europäische Gründer den Kontinent verlassen, weil sie sich durch Regulierung, Kapitalmangel und Mentalitätsbarrieren ausgebremst fühlen, dann ist das kein individuelles Versagen, sondern ein systemisches. Europa verliert nicht an Talent, weil es an Intelligenz mangelt. Es verliert, weil es an Mut fehlt. Wer weiterhin glaubt, man könne durch immer neue Verordnungen „vertrauenswürdige Innovation“ erzwingen, während man Risikokapital, Flexibilität und Geschwindigkeit dem amerikanischen Wettbewerb überlässt, der betreibt wirtschaftspolitische Realitätsverweigerung. Der Brain Drain im Tech-Bereich ist kein Naturgesetz. Er ist politisch gemacht und er kann nur politisch beendet werden.

Wenn Europa nicht bald erkennt, dass Innovationskraft nicht durch Misstrauen gedeiht, sondern durch Freiheit,  wird es zum Freilichtmuseum digitaler Regulierung verkommen, während anderswo die Zukunft programmiert wird. Der Steinberger-Schock sollte uns eine Lehre sein. Noch haben wir die Wahl. Das Zeitfenster schließt sich jedoch schneller, als es unsere Gesetzgebungsverfahren erlauben.

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