Österreichische Medientage 2025: Eine Branche zwischen Umbruch, Verantwortung und Geschäftsmodell

Am 24. und 25. September 2025 kamen am Erste Campus in Wien Vertreter aus Medien, Politik, Werbung, Wirtschaft und Wissenschaft zu den 32. Österreichischen Medientagen zusammen. Veranstaltet wurde der Kongress von HORIZONT beziehungsweise dem Manstein Verlag. Im Mittelpunkt stand eine Grundfrage: Wie können Medien ihre wirtschaftliche Basis, journalistische Glaubwürdigkeit und gesellschaftliche Funktion sichern, während Plattformen, Künstliche Intelligenz und veränderte Nutzungsgewohnheiten gleichzeitig auf den Markt einwirken?

Das Programm spiegelte diese Breite. Zu den Gästen gehörten unter anderem ARD-Journalistin Natalie Amiri, Medienwissenschafter Bernhard Pörksen, „Zeit“-Verlagsgruppenchef Rainer Esser, Medienökonomin Lucy Küng, Werber Amir Kassaei, Transformations-Expertin Magdalena Rogl und YouTuberin Joanna Zhou. Mehr als 100 Fachleute sollten an beiden Tagen zentrale Fragen zur Zukunft von Medien und Kommunikation diskutieren.

„Die Zukunft der Medien ist nicht mehr nur Branchenthema, sondern vielmehr eine Frage der gesellschaftlichen Stabilität und demokratischen Kultur“

Jürgen Hofer, Publishing Director HORIZONT, im Vorfeld der Österreichischen Medientage 2025

Die Debatte wurde damit nicht nur über Reichweiten, Auflagen oder Werbeerlöse geführt, sondern darüber, wie Öffentlichkeit entsteht, wem Menschen vertrauen und welche Rolle journalistische Anbieter gegenüber globalen Plattformen und automatisiert erzeugten Inhalten künftig spielen können.

Demokratie, Krisen und Medienverantwortung

Der erste Konferenztag begann mit einem gesellschaftspolitischen Schwerpunkt. Jürgen Hofer sprach in seiner Eröffnung über Angriffe auf demokratische Öffentlichkeit, digitalen Hass und Druck auf Journalismus. Natalie Amiri widmete ihre Keynote den Folgen des 7. Oktober und den Entwicklungen im Nahen Osten. Laut Veranstaltungsbericht hob sie auch die Rolle sozialer Medien hervor: Konflikte wirkten über digitale Plattformen bis nach Europa hinein.

Weitere Diskussionen beschäftigten sich mit geopolitischer Instabilität, wirtschaftlicher Verantwortung und gesellschaftlichem Zusammenhalt. An einem Panel über Sicherheit und Stabilität nahmen unter anderem Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Franz-Stefan Gady und „Spiegel“-Journalist Matthias Gebauer teil. Beim „großen Wirtschaftsgipfel“ sprach WIFO-Direktor Gabriel Felbermayr über die konjunkturelle Lage. Der frühere Spar-Chef Gerhard Drexel stellte in einem Gespräch über Führung Vertrauen und Unternehmenskultur in den Mittelpunkt.

WIFO-Chef Felbermayr gibt eine Einschätzung zur wirtschaftlichen Lage

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Digitale Plattformen als Machtfrage

Besonders deutlich wurde der Strukturwandel bei der Diskussion über digitale Plattformen. Medienwissenschafter Martin Andree sprach im Rahmen einer RTR-Veranstaltung über „Dark Tech“ und die Konzentration digitaler Marktmacht. Er forderte unter anderem offene Standards, eine Trennung von Übertragungsweg und Inhalt sowie Begrenzungen marktbeherrschender Stellungen. Das war eine konkrete medienpolitische Position, keine allgemeine Schlussfolgerung des Kongresses.

Auch Bernhard Pörksen rückte den Einfluss großer Technologiekonzerne ins Zentrum. Gegenüber ORF.at sprach er im Umfeld der Medientage von einer digitalen „Feudalherrschaft“. Seine Diagnose beschrieb eine Spannung: Digitale Medien haben Publikationsmöglichkeiten massiv erweitert, zugleich wird der Zugang zum Publikum stark von wenigen Plattformen, ihren Algorithmen und technischen Ökosystemen gesteuert.

Die Konferenz behandelte Digitalisierung deshalb nicht als reine Fortschrittsgeschichte. Neben Chancen standen Desinformation, Cyberkriminalität und Plattformabhängigkeit. Eine Breakout-Session der Fachgruppe Werbung Wien trug etwa den Titel „Supermacht Cybercrime. Mit voller Kraft gegen die KI-Mafia!“. Dahinter stand ein ernstes Thema: Generative KI verändert nicht nur Produktionsprozesse, sondern auch Möglichkeiten zur Manipulation und automatisierten Verbreitung von Inhalten.

Creator Economy und Generative KI: Zwei Faktoren im Journalismus von morgen

Wer finanziert Journalismus von morgen?

Am zweiten Tag rückten Geschäftsmodelle, Transformation und Finanzierung stärker in den Vordergrund. Eine zentrale Debatte lautete: „Crowd, Staat, Strategie – wer zahlt für Journalismus von morgen?“ Daran nahmen unter anderem Medienmanagerin Anita Zielina, WZ-Chefredakteurin Katharina Schmidt und ProSiebenSat.1-PULS-4-Co-CEO Bernhard Albrecht teil. Die Zusammensetzung zeigte, dass öffentlich finanzierte Angebote, private Medienunternehmen und neue Community-Modelle unterschiedlichen Logiken folgen.

Die Wiener Zeitung stand dabei für einen besonders weitgehenden Transformationsprozess. Nach dem Ende ihrer gedruckten Tageszeitung wurde sie als digital ausgerichtetes, öffentlich-rechtliches Medium weiterentwickelt. Laut Veranstalterprofil verbindet sie ihren Public-Value-Auftrag mit digitalen Erzählformen und einer stärkeren Ansprache jüngerer Zielgruppen. Das zeigt, dass Medienwandel nicht bloß bedeutet, bestehende Inhalte auf neue Kanäle zu verschieben, sondern Produkte und Aufgaben neu zu definieren.

Für privatwirtschaftliche Medien stellt sich die Veränderung unter anderen Bedingungen. Klassische Werbeerlöse geraten unter Druck, internationale Plattformen konkurrieren um Werbegelder und die Mediennutzung fragmentiert sich. Dass Verlag, Fernsehen, Radio, Werbung, Technologie und Creator-Ökonomie auf derselben Konferenz vertreten waren, spiegelte diese Verschiebung.

Kooperation gegen Desinformation

Einen weiteren Ansatz formulierte APA-Geschäftsführer Clemens Pig. Er plädierte bei den Medientagen für ein stärker kooperatives Mediensystem, das Desinformation und den Herausforderungen einer von KI geprägten Informationsordnung gemeinsam begegnen soll. Kooperation kann dort sinnvoll sein, wo Medienhäuser gemeinsame technische Standards, verlässliche Daten oder Infrastrukturen benötigen.

Sie ersetzt jedoch keinen publizistischen Wettbewerb. Eine pluralistische Medienordnung lebt davon, dass Redaktionen eigene Recherchen, Perspektiven und Prioritäten entwickeln. Der Vorschlag macht ein Grundproblem sichtbar: Medienunternehmen müssen gegenüber globalen Technologiekonzernen in bestimmten Bereichen enger zusammenarbeiten, ohne ihre redaktionelle Eigenständigkeit aufzugeben.

Natalie Amiri spricht über den Nahen Osten

Medienpolitik zwischen ORF, Privaten und Plattformen

Den Abschluss bildete die Debatte „Medienpolitik am Prüfstand“. Medienminister und Vizekanzler Andreas Babler diskutierte unter anderem mit ORF-Generaldirektor Roland Weißmann, VÖP-Präsident Mario Frühauf und Google-Austria-Country-Director Maimuna Mosser. Damit saßen Akteure mit unterschiedlichen Interessen auf dem Podium: öffentlich-rechtlicher Rundfunk, private Anbieter, Politik und ein globaler Plattformkonzern.

Die Konflikte reichen über Förderungen hinaus. Es geht um das Verhältnis des ORF zu privaten Medien, um Regeln für internationale Plattformen, um wirtschaftliche Voraussetzungen journalistischer Vielfalt und um die Verantwortung von Technologieunternehmen für öffentliche Kommunikation. Viele zuvor behandelte Probleme münden damit in politische und regulatorische Rahmenbedingungen.

Auch Medienminister Andi Babler stellte sich der Diskussion

Fazit

Die Österreichischen Medientage 2025 zeichneten das Bild einer Branche, die technologisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich gleichzeitig unter Veränderungsdruck steht. Eine gemeinsame Lösung präsentierte der Kongress nicht. Stattdessen standen unterschiedliche Ansätze nebeneinander: Kooperation, neue Erlösmodelle, organisatorische Transformation, Regulierung digitaler Marktmacht, Medienkompetenz sowie die Neuverhandlung der Rollen öffentlich-rechtlicher und privater Medien.

Gerade darin lag die Aussagekraft der Veranstaltung. Die Zukunft des Journalismus lässt sich nicht isoliert als Frage von KI, Werbung oder Politik behandeln. Technologie, Finanzierung, Vertrauen, Wettbewerb und demokratische Öffentlichkeit greifen ineinander. Die Medientage 2025 zeigten damit vor allem eines: Der Wandel ist für die Medienbranche keine bevorstehende Phase mehr, sondern ihr dauerhafter Normalzustand.

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