Hormus und der alte Würgegriff des Orients über Europa

Meerenge von Hormus
Die Meerenge von Hormus

Europa blickt heute auf die Straße von Hormus ein bisschen wie ein Drogensüchtiger auf eine verstopfte Nadel. Dort, wo ein schmaler Wasserstreifen zwischen Iran und Oman verläuft, entscheidet sich plötzlich nicht bloß der Preis von Öl, Gas, Versicherungen und Frachtraten. Dort zeigt sich vielmehr eine viel ältere, unangenehme Wahrheit unserer Geschichte: Wer die Engstellen zwischen Europa und Asien kontrolliert, kann an unserem Wohlstand mitkassieren, ihn drosseln oder ihn als politische Geisel nehmen. Die Gegenwart wirkt also modern, die geographische Logik dahinter ist aber archaisch. Das muslimische Mächte europäischen Handel mit Asien abschneiden, limitieren und daran mitverdienen wollen ist nämlich nichts neues. Vielmehr fußt der Aufstieg Europas zur Weltmacht im Zuge des Zeitalters der Entdeckungen auf der damaligen Überwindung dieser geographischen und politischen Handelshemmnisse. Die Encyclopedia Britannica beschreibt das folgendermaßen:

Die islamischen Mächte hatten die Landrouten nach Asien faktisch verschlossen und den Seeweg südlich vom Roten Meer zu einer schwer passierbaren Route gemacht.

https://www.britannica.com/topic/European-exploration/The-continental-interiors?utm_source=chatgpt.com

Man kann die drohende beziehungsweise teilweise vollzogene iranische Blockade von Hormus daher nicht nur als tagespolitische Eskalation lesen. Sie ist auch ein Echo jener Jahrhunderte, in denen muslimische Mächte zwischen Mittelmeer, Rotem Meer, Bosporus und Persischem Golf aus der europäischen Sehnsucht nach asiatischen Luxusgütern ein Geschäftsmodell machten. Nicht immer als totale Sperre, wohl aber als System aus hohen Zöllen, Transitrechten, politischer Duldung und damit gewisser strategischer Erpressbarkeit. Europa zahlte also bei seinen Konsumgütern drauf, die Zwischenmächte im Nahen Osten verdienten stets mit. Genau aus dieser historischen Erfahrung heraus entstand einst der Wille, dem Würgegriff der alten Handelsachsen zu entkommen — und genau deshalb begann das Zeitalter der Entdeckungen. Portugiesische Schiffe segelten um Afrika herum, weil die Osmanen horrende Zölle verlangten. Aus ebendiesen Gründen suchten die Spanier unter Seefahrern wie Christoph Kolumbus den direkten Weg nach Indien. Wenn wir auf den aktuellen Irankrieg blicken, dann sehen wir wie sich die Geschichte wiederholt.

Irans Drohungen und Angriffe … ließen Hunderte Schiffe und rund 20.000 Seeleute stranden.

https://www.reuters.com/world/china/chinese-container-ships-pass-through-strait-hormuz-second-attempt-data-shows-2026-03-30/?utm_source=chatgpt.com

Die alte Machtformel: Engpass kontrollieren, Europa zahlen lassen

Der heutige Schock über die Blockade von Hormus ist nur deshalb so groß, weil Europa sich wieder einmal selbst vergewissert hatte, Handel sei etwas Natürliches, beinahe etwas Selbstverständliches. In Wahrheit war Handel immer politisch, stets militärisch abgesichert und oft genug ein Opfer von Piraten, Zollpolitik und politischen Blockaden. Das Osmanische Reich kontrollierte etwa über Jahrhunderte den zentrale Knoten zwischen Europa und Asien! Der Handel lief hier naturgemäß nicht reibungslos durch ihr Herrschaftsgebiet, sondern wurde von Zöllen, Transitabgaben, Hafenrechten und politischer Duldung begleitet. Handelseinnahmen im Osmanischen Reich waren für den Staat wichtig, weshalb Zölle, Transitgebühren und Marktabgaben erhoben wurden. Genau darin lag die nahöstliche Macht früherer Tage: nicht notwendigerweise in der totalen Abriegelung, sondern in der Fähigkeit, jeden Wagen, jedes Schiff und jeden Kaufmann am eigenen Engpasses vorbeizuführen — und dabei ordentlich die Hand aufzuhalten. Die Rechnung bezahlten zuerst die italienischen Seefahrerstädte Venedig, Genua und Amalfi und später natürlich die Konsumenten in Europa.

Man muss es klar aussprechen: Für viele islamische Reiche und Herrschaftsräume in Nahost war der asiatisch-europäische Fernhandel über die Seidenstraße über lange Zeit ein bewährtes Mittel für Zolleinnahmen. Arabische, persische und osmanische Machtzentren lebten nicht zuletzt davon, zwischen Europa und Asien zu sitzen wie ein Zollpächter der Weltgeschichte. Wer Gewürze, Seide, Luxuswaren und andere asiatische Rohstoffe und Luxusgüter wollte, der musste viel Geld bezahlen. Das war keine fromme Zivilisationsleistung, sondern knallharte Geopolitik von kalkulierenden Machteliten in der Region. Dass solche Praktiken natürlich nicht exklusiv muslimisch waren, ist historisch richtig; dass sie im Verhältnis zwischen Europa und Asien aber gerade von islamisch dominierten Räumen über Jahrhunderte besonders wirksam ausgeübt wurden, stimmt ebenso. Der heutige Iran des Jahres 2026 führt diese Logik bloß in modernisierter Form fort: Statt Pfeffer und Muskat geht es nun um Öl, LNG-Gas, Versicherungsprämien und globale Lieferketten.

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Warum Europa einst überhaupt in See stach!

Das europäische Zeitalter der Entdeckungen war historisch gesehen nicht bloß ein romantisches Abenteuer neugieriger Seeleute. Es war die strategische Flucht Europas aus einer kostspieligen geographischen Abhängigkeit. Portugiesen und Spanier suchten den Seeweg nach Asien nicht aus bloßer Fernweh-Lyrik, sondern weil die hergebrachten Routen über Levante, Ägypten und die östlichen Mittelmeer- beziehungsweise Nahostkorridore teuer, unsicher und politisch fremdbestimmt waren. Laut „Encyclopedia Britannica“ war die Suche nach direkten Seewegen nach Asien der Kern der europäischen Entdeckungsfahrten! Die Jagd nach dem direktem Zugriff auf den lukrativen Gewürzhandel wie auch auf indische und chinesische Luxusgüter war der Hauptantrieb dieser Epoche. Europa wollte die unangenehmen Zwischenhändler ausschalten, die Abgaben umgehen und den Orient nicht länger an jeder Handelsstufe mitverdienen lassen. Wie heute schöpften schließlich muslimische Zwischenhändeler europäischen Wohlstand per Zollpolitik einfach schamlos ab.

Mit anderen Worten: Das Zeitalter der Entdeckungen war auch eine große europäische Revolte gegen die Mautstationen der alten Welt. Vasco da Gama segelte nicht deshalb um Afrika, weil Lissabon plötzlich vom Geist kosmopolitischer Offenheit erfasst worden wäre. Portugal wollte sich aus einer Lage befreien, in der nahöstliche Mächte wie die Osmanen die Preisschraube anzogen, sobald Europa nach asiatischen Gütern griff. Diese nüchterne ökonomische Motivation wurde im Schulunterricht lange unter einer Decke aus Entdeckerromantik versteckt. Tatsächlich war es ein Befreiungsschlag gegen eine historisch gewachsene Abhängigkeit von Mächten, die Europas wirtschaftliche Nachfrage nach asiatischen Gütern als Tributquelle behandelten. Genau deshalb war die Umsegelung Afrikas eine tektonische Verschiebung der Weltordnung: Sie entzog den alten geographischen Nadelöhren einen Teil ihrer wirtschaftlichen Erpressungsmacht. Während Europas Handelsnationen reicher wurden, verarmte der Nahe Osten relativ, weil die Konkurrenz die Preise drückte.

Hormus: dieselbe Logik, nur mit Öl statt Pfeffer

Wer heute auf Hormus blickt, erkennt dieselbe Geometrie der Macht von einst. Laut Internationaler Energieagentur gingen 2025 im Schnitt rund 20 Millionen Barrel Rohöl und Ölprodukte pro Tag durch die Meerenge; das entsprach etwa einem Viertel des weltweiten seeseitigen Ölhandels. Freilich geht ein Großteil aufgrund intelligenter Diversifizierungspolitik längst nicht mehr gen Europa. Zwei Ölpreisschocks gegen den Westen haben den Westen über die Jahrzehnte dazulernen lassen. Laut US-Energiebehörde EIA gingen 2024 rund 84 Prozent der durch Hormus transportierten Rohöl- und Kondensatmengen sowie 83 Prozent der LNG-Mengen nach Asien. Die Meerenge von Hormus ist also ein globales Scharnier des Handels. Wenn dort nun ein islamistisches Regime mit Raketen, Drohungen, Angriffen oder faktischer Sperrwirkung operiert, zittert letztlich der Weltmarkt. Die ziemlich abhängigen Asiaten beginnen dann nämlich Öl von jenen Lieferanten aufzukaufen, die Europa und die USA beliefern und erhöhen damit global die Preise.

Reuters berichtete Ende März 2026, dass Irans Drohungen und Angriffe die Schifffahrt in der Straße von Hormus weitgehend zum erliegen gebracht, hunderte Schiffe festgesetzt und zehntausende Seeleute zum Nichtstun verdammt haben. Dazu meldete Reuters am 11. März Angriffe auf mehrere Schiffe im Golf und in der Straße von Hormus. Damit demonstrierte der Iran, dass Schiffe ohne iranische „Genehmigung“ bei der Durchfahrt angegriffen werden würden, womit kein rationaler Schiffseigner sein Schiff diesem Risiko aussetzen wollte. Selbst wenn man also zwischen „formaler Schließung“ und „faktischer Unpassierbarkeit unter Beschuss“ unterscheiden will, ändert das am Kern nichts: Eine geographische Engstelle wird politisch missbraucht, der Welthandel mit fossilen Rohstoffen wird verteuert und die Abhängigkeit der Außenwelt wird zur Verhandlungsmasse eines Regimes. Das ist die Politik der Meerengenherrschaft, nur eben im 21. Jahrhundert.

Die Meerenge des Bab al-Mandab zwischen Arabien und Afrika

Europas Lebenslüge vom entpolitisierten Welthandel

Das eigentlich Verstörende an Hormus ist aber nicht nur der Iran und seine Politik der Erpressungen, sondern Europas Wehrlosigkeit. In einer anderen Meerenge – im Bab al-Mandab – blockierten die iranisch finanzierten Huthis schließlich schon vor Jahren westlichen Handel. Deshalb haben EU und NATO auch europäische Kriegsschiffe dorthin entsandt. Europa tut aber dennoch nun im Iran einmal mehr so, als ließe sich Wohlstand aus Lieferketten gewinnen, ohne dass man die Engstellen dieser Lieferketten militärisch, diplomatisch und strategisch absichert. Europas Spitzenpolitiker erklärten sich im Irankrieg als nicht zuständig und verweigerten den USA zunächst jede aktive Hilfe. Europa will einmal mehr Globalisierung ohne Geopolitik, Energieabhängigkeit ohne Risiko und Handel ohne Machtfragen. Das war dieselbe infantile Idee, mit der Europa schon vor 2022 gegenüber Russlands Aggression politisch Schiffbruch erlitt. Nun folgt die nächste Lektion aus einer anderen Himmelsrichtung.

Denn die Blockade der Straße von Hormus zeigt uns in brutaler Klarheit, dass Geschichte und Politik nie wirklich verschwinden, sondern oft verdammt sind sich zu wiederholen. Wo früher arabische Karawanen, indische Gewürzfrachten, osmanische Zöllner und venezianische Zwischenhändler das Bild bestimmten, wirken heute Tanker, LNG-Frachter und Versicherer in London. Doch die Erpressungsformel bleibt dieselbe: Europa und seine Verbündeten konsumieren, andere kontrollieren die Schleusen. Und jedes Mal, wenn ein Regime im Nahen Osten die Hand am Hebel hat, hören wir in Europa dieselben moralisierenden Ausflüchte. Man dürfe nicht „eskalieren“, man müsse „deeskalierende Signale“ senden, man müsse „alle Seiten ernst nehmen“. Als wäre ein maritimer Würgegriff ein Missverständnis im interkulturellen Dialog. Dabei zeigt die Geschichte vor allem eines: Piraterie und maritime Blockaden bricht man am besten mit Gewalt auf! Hätte der Westen nicht fast die gesamte Welt kolonialisiert und dabei Seeräuberstaaten in Nordafrika oder dem Nahen Osten zerstört, gäbe es keine freien Handelswege gen Asien.

Fazit

Die Lehre aus dem 15. Jahrhundert ist gerade deshalb aktueller, als uns lieb sein kann. Über Jahrhunderte haben muslimische Machtzentren an den Knoten zwischen Europa und Asien verdient, indem sie Handel lenkten, verteuerten, verzollten oder politisch erpressbar machten. Das war einer der großen ökonomischen Stachel, der Europa einst auf die Ozeane trieb. Damals reagierte Europa auf teure und politisch unsichere Handelsachsen aber mit Entschlossenheit, Innovation und Risiko. Es baute Schiffe, schuf maritime Karten, konstruierte Festungen und schuf große Kriegsflotten. Es suchte also Alternativen zum ausbeuterischen wirtschaftlichen Status quo. Letztlich umgingen Spanier und Portugiesen den Engpass in Nahost. Europa akzeptierte damals nicht, dass andere Mächte dauerhaft die Eintrittskarte zum asiatischen Reichtum kontrollierten. Genau diese Mentalität fehlt uns heute. Europa hat sich an billige Energie, offene Seewege und amerikanische Sicherheitsgarantien gewöhnt wie ein verwöhnter Erbe an die Dividende des Großvaters.

Doch wer aus der Geschichte etwas lernen will, muss erkennen: Räuberische Blockaden von feindlichen Diktaturen und Reichen respektiert man nicht mit Resolutionen, sondern neutralisiert sie durch Abschreckung, Diversifizierung und Umgehung. Das bedeutete einst die Suche nach dem Seeweg um Afrika. Heute bedeutet es eine robuste Sicherung maritimer Korridore, harte Abschreckung gegen staatlich gestützte Angriffe auf die Schifffahrt, mehr strategische Reserven und vor allem das Ende der europäischen Illusion, man könne bei lebenswichtigen Rohstoffen auf Dauer von politisch feindseligen oder instabilen Räumen abhängig bleiben. Hormus ist deshalb kein Betriebsunfall. Hormus ist eine Mahnung wie der Krieg des politischen Islam gegen den Westen auch aussieht.

Wer daraus nicht die Konsequenz zieht, will offenbar wieder in die alte Rolle Europas zurück: zahlen, zittern, hoffen. Ein Kontinent aber, der seine Energieadern, Handelswege und strategischen Lebenslinien fremden Regimen überlässt, wird nicht „friedlich“, sondern abhängig. Und Abhängigkeit ist in der Geschichte noch nie billig gewesen. Die Portugiesen begriffen das im 15. Jahrhundert schneller als manche Brüsseler Strategiepapiere im Jahr 2026. Vielleicht ist genau das die bitterste Pointe von Hormus: Dass Europa ausgerechnet in einer Welt voller Satelliten, Tankertracking und Thinktanks wieder an derselben Lektion scheitert, die einst das Zeitalter der Entdeckungen hervorbrachte. Der Iran ist nicht nur ein Problem für Israel und die USA, sondern auch für Europa. Wenn man die Straße von Hormus ungeniert monatelang sperren kann funktioniert das irgendwann auch mit dem Bab al-Mandab oder mit der ebenfalls muslimisch kontrollierten Malakkastraße.

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Links & Quellen

https://www.britannica.com/topic/European-exploration/The-continental-interiors?utm_source=chatgpt.com

https://www.reuters.com/world/china/chinese-container-ships-pass-through-strait-hormuz-second-attempt-data-shows-2026-03-30/?utm_source=chatgpt.com