
Europa spricht selbstkritisch immer wieder gerne über seine historischen Sünden: Kolonialismus, atlantischen Sklavenhandel, Imperialismus. Was aber systematisch unter den Teppich der politisch erwünschten Erinnerungskultur gekehrt wird, ist ein anderes Kapitel: Jenes einer hilflosen europäischen Welt, die über Jahrhunderte lang selbst Beutezone war. Von den Küsten Portugals über Kalabrien, Sizilien und Dalmatien bis tief in die Ebenen der Ukraine, Polens und Russlands wurden bis vor 200 Jahren europäische Christen geraubt, verkauft, verschleppt und wie Ware behandelt. Das war keine Ausnahme und keine exotische historische Randnotiz, sondern hatte da wie dort System. Die Europäer waren nämlich hier unfreiwillig Teil eines gewaltigen Systems islamischer Sklavenökonomien. Die Barbareskenstaaten in Nordafrika lebten davon, das Krim-Khanat organisierte seine Macht zu erheblichen Teilen über Menschenraub und das Osmanische Reich integrierte europäische Sklaven massenhaft in Armee, Haushalt, Verwaltung und Harem.
Gerade darin liegt ziemliche historische Brisanz, denn diese Geschichte ist nicht bloß ein düsteres Archivstück. Sie berührt vielmehr eine Frage, die Europa bis heute scheut: Wie verhält sich der Westen zur Religion, aber auch zur politischen Ideologie des Islam, die Herrschaft, Unterwerfung und religiös legitimierte Gewalt nicht als Ausrutscher, sondern als historische Option begreift? Auch in den österreichischen Türkenkriegen wurden Österreicher als Sklaven aus ihrer Heimat gen Morgenland verschleppt. Wer also vom politischen Islam spricht, darf nicht so tun, als beginne alles erst mit den Muslimbrüdern, al-Qaida oder dem IS. Zwischen den Sklavenmärkten von Algier, Kaffa und Istanbul und der heutigen islamistischen Feindschaft gegen den Westen liegt eine ideologische Kontinuität! Es gibt die schriftlich im Koran niedergelegte Vorstellung, dass Christen in Europa nicht ebenbürtige Mitmenschen, sondern Ungläubige sind, die man – sofern möglich- versklaven darf.
Genau deshalb müssen wir über solche Kapitel unserer Geschichte offen sprechen, weil es mit einem Schlag jene naive westliche Erzählung erschüttert, wonach Gewalt, Unterwerfung und Menschenjagd stets nur in eine Richtung verliefen – vom Westen hinaus in die Welt, niemals umgekehrt. Wenn wir erkennen, dass Europa selbst jahrhundertelang Opfer von Gewalt und Islamismus war und eben nicht nur Täter, dann sehen wir die Islamisierung und ihre Gefahren heute vielleicht etwas klarer.

Der Kontinent als Jagdrevier
Diese Geschichte berührt einen Punkt, den unsere Erinnerungskultur fast schon zwanghaft meidet: Europa war über Jahrhunderte lang nicht nur „böser“ Exporteur von Macht und Unterdrückung, sondern auch Importeur von Angst. Die Barbareskenstaaten Algier, Tunis, Tripolis und Salé machten zwischen dem 16. und frühen 19. Jahrhundert Jagd auf europäische Seeleute, Fischer und Küstenbewohner. Der Historiker Robert Davis schätzte die Zahl der nach Nordafrika verschleppten Europäer auf etwa 1,25 Millionen. Der islamische Menschenraub war systematisch, lukrativ und über Jahrhunderte präsent. Die USA führten nicht zufällig ihren ersten Krieg nach der Unabhängigkeit gegen die Barbareskenstaaten und auch danach endete das Pirateriesystem erst mit der französischen Eroberung Algiers 1830 endgültig. Die koloniale Unterdrückung Nordafrikas war also tatsächlich eine Befreiung von Europas Küste vor nordafrikanischen Überfällen und Ausplünderung.
Wer dieses Kapitel verharmlost, verwechselt Gewohnheit mit Wahrheit. Ganze Küstenräume Südeuropas lebten jahrhundertelang mit dem Wissen, dass vom Meer nicht nur luktrativer Handel, sondern auch tödliche Überfälle und Verschleppung kommen konnten. Anders als heute war das Mittelmeer keine idyllische Urlaubsregion. Historische Berichte über entvölkerte Orte, gekaperte Schiffe und freigekaufte Gefangene zeigen: Das war keine romantisierte Piratenfolklore, sondern grausamer organisierter Menschenhandel unter muslimischer Herrschaft. Die europäischen Opfer endeten als Galeerensklaven, Hausdiener, Handwerker, Feldarbeiter oder Konkubinen und viele starben auch jämmerlich in den Sklavengefängnissen Nordafrikas. In Europa entstanden eigene christliche Orden und Bruderschaften, um Lösegelder für Verschleppte zu sammeln – ein Umstand, der allein schon zeigt, wie normalisiert diese Bedrohung geworden war.
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Die vergessene Sklavenstraße des Ostens
Noch weit größer war das Verbrechen im Osten Europas. Neuere Forschung beschreibt den Schwarzmeer- und Krimraum als eines der bedeutendsten Sklavenreservoire der frühen Neuzeit. Ein 2025 veröffentlichtes Forschungspapier rekonstruiert 2.511 Raubzüge zwischen 1453 und 1774 an 882 Orten in 13 heutigen Staaten und kommt auf mindestens 3,64 Millionen Verschleppte. Teilweise halten die Autoren sogar bis zu rund 5 Millionen für plausibel. Die Gefangenen wurden von den muslimischen Tartaren in Raubzügen aus Polen-Litauen, der Ukraine, Russland und angrenzenden Räumen Richtung Krim getrieben, dort auf Märkten wie Kaffa verkauft und von dort in die Zentren des Osmanischen Reiches weitertransportiert. Nach dem westafrikanischen Sklavenhandel für Amerika war global betrachtet also wohl Osteuropa die größte Quelle von Sklaven in der frühen Neuzeit.
Caffa ist ein Hafen, den Mikhalon Litvin – ein um 1550 schreibender Litauer – als „keine Stadt, sondern einen Abgrund beschrieb, in den immerwährend unser Blut strömt“.
Sklavenhandel in Osteuropa: Das Schicksal von Millionen, Quelle: https://mikedashhistory.com/2015/01/15/blonde-cargoes-finnish-children-in-the-slave-markets-of-medieval-crimea/
Damit zerfällt die ideologische „woke“ westliche Legende, wonach Sklaverei in der europäischen Geschichte fast ausschließlich etwas war, das mächtige Europäer armen Farbigen antaten. Ja, auch Europäer versklavten Afrikaner oder Indigene in Amerika. Aber ebenso wahr ist: Millionen Europäer wurden parallel dazu selbst versklavt. Die Krim- und Nogai-Tataren betrieben ihre Überfälle mit militärischer Präzision. Reiterverbände stießen tief ins osteuropäische Landesinnere vor, brannten Siedlungen nieder, terrorisierten Regionen und trieben Menschen in Ketten gen Süden. Ganze Grenzlandschaften wurden dadurch deformiert. Befestigungen, Wehrsiedlungen und ein dauerhaftes Klima der Panik waren die Folge. Dass dieses Trauma im europäischen Gedächtnis kaum vorkommt, sagt weniger über die damalige Realität als über die heutige ideologische Geschichtsforschung aus.

Das Osmanische Reich: Nicht Randerscheinung, sondern System
Diese Sklavenbeutezüge gen Europa liefen nicht in ein politisches Vakuum. Sie speisten ein osmanisches System, in dem Sklaverei kein Nebenschauplatz, sondern eine tragende Institution war. Die Sklaverei ist im Islam übrigens bis heute Teil der religiösen Vorstellung, da sie im Koran niedergeschrieben ist. Der „Islamische Staat“ hielt dementsprechend während seiner Terrorherrschaft im Irak und in Syrien 2015-2017 Sklaven. Im Osmanische Reich wiederum gab es das Devşirme-System, in dem christliche Knaben aus den Balkanprovinzen geraubt, zum Islam bekehrt und für Militär- oder Verwaltungsdienste ausgebildet wurden. Die berühmten Janitscharen rekurtierten sich aus solchen christlichen Sklaven. Historiker gehen davon aus, dass allein zwischen 1453 und 1700 rund 2 bis 2,5 Millionen europäische Menschen aus dem Schwarzmeerraum in osmanische Gebiete importiert worden sind! Dabei soll im Istanbul des 16. und 17. Jahrhunderts ungefähr ein Fünftel der Bevölkerung aus Sklaven bestanden haben. Eines ist also klar: Der osmanische Herrschaftsapparat absorbierte verschleppte Christen in großem Stil.
Natürlich war dieses System anders organisiert als die Plantagensklaverei der Atlantikwelt. Es war im westlichen Mittelmeer etwa teils brutaler, denn Geschichten von Leid sollten Angehörige in Westeuropa motivieren, ihre entführten Verwandten aus Nordafrika freizukaufen. Die Todesraten in nordafrikanischen Gefängnissen waren entsprechend hoch. Manche Sklaven im osmanischen Reich wiederum konnten gesellschaftlich aufsteigen, manche wurden freigelassen, andere wiederum landeten als Galeerensklaven in einem jämmerlichen biblischen Schicksal. Viele wurden in harter Arbeit auch ausgebeutet bis sie ein frühes Ende fanden. Als die christliche Heilige Allianz die osmanische Seeherrschaft 1571 in der Seeschlacht von Lepanto besiegte, konnte man allein in dieser Schlacht bis zu 15.000 christliche Rudersklaven von den osmanischen Schiffen befreien und nach Europa retten.
Gerade die europäische Debatte hat sich angewöhnt, jedes historische Thema nur noch entlang westlicher Schuldachsen zu lesen. Darum erscheint der osmanische und nordafrikanische Sklavenhandel mit europäischen Christen bis heute wie ein Störgeräusch im moralischen Drehbuch und wird gern ausgespart. Die Kolonialisierung Algeriens und Marokkos im 19. Jahrhundert gilt heute als europäisches Verbrechen und als Übergriff. Tatsächlich war sie aber aus Sicht von Südeuropa damals ein äußerst wichtiger sicherheitspolitischer Akt, um die jahrhundertealte Piraterie und Versklavung durch Nordafrikaner endlich zu beenden.

Warum diese Geschichte heute politisch relevant ist
Hier beginnt der eigentliche Nerv des Themas: Es geht uns mit dem Artikel nicht bloß darum, eine vergessene Opfergruppe zu betrauern. Es geht um Aufklärung und das geistige Selbstverständnis Europas. Ein Kontinent, der seine eigenen historischen Erfahrungen mit islamischer Expansion, Dauerkrieg, Tributlogik, Sklavenjagd und Zwangsbekehrung aus dem Gedächtnis radiert, macht sich selbst wehrlos gegen die Wiederkehr ideologischer Muster in neuer Form. Der politische Islam ist nicht identisch mit den Barbareskenstaaten oder dem Osmanischen Reich. Aber er knüpft sehr wohl an die alten Denkfiguren an, nämlich dass die westliche Welt moralisch dekadent, politisch schwach und letztlich zur Unterordnung bestimmt sei. Islamistische Bewegungen sprechen nicht die Sprache des friedlichen Pluralismus, sondern jene von Vorherrschaft, Sakralgesetz und dem Vorrang der eigenen Ordnung über der des Westens. Das ist keine Folklore, sondern war immer ihr politisches Programm. Europa muss wieder zu einer zivilisatorischen Selbstbehauptung zurückfinden.
Wer an die Sklavenmärkte von Algier, Kaffa und Istanbul erinnert, stört also ein wichtiges politisches Dogma: jenes, dass Europa geschichtlich fast ausschließlich Täter und der islamische Raum fast ausschließlich Reaktionsraum gewesen sei. Diese Einseitigkeit ist intellektuell aber ziemlich unerquicklich und politisch gefährlich. Eine Zivilisation, die sich nur noch selbst anklagt, verliert das Gespür dafür, wann sie angegriffen wird – militärisch, demographisch, kulturell oder ideologisch. Der politische Islam führt heute keinen Krieg gegen den Westen mit Galeeren und Sklavenkarawanen. Er führt ihn asymmetrischer: über Parallelgesellschaften, Einschüchterung, Opferrhetorik, Rechtsforderungen, demographischen Druck und die systematische Ausnutzung westlicher Schwäche. Gerade deshalb lohnt der Blick zurück. Damals wie heute war Europas gefährlichster Fehler nicht bloß militärische Schwäche, sondern geistige Verharmlosung. Man zahlte Tribut, hoffte auf Ruhe, rationalisierte die Gefahr – bis andere Mächte mit Härte reagierten. Die Geschichte der Barbaresken endete nicht durch Dialogseminare, sondern durch europäische koloniale Gewalt und durch Machtprojektion.
Wer an dieses historische Kapitel des Sklavenhandels der anderen Art erinnert, relativiert weder den atlantischen Sklavenhandel noch dortige europäische Verbrechen. Er korrigiert lediglich die selektive Erinnerung eines Kontinents, der sich an seine eigene Verwundbarkeit nicht mehr erinnern will und genau darin liegt die Pointe: Europa war nicht nur Kolonisator, sondern auch Beute. Nicht nur Herr, sondern auch Opfer. Nicht nur Akteur, sondern auch Ziel einer religiös und politisch motivierten Gewalt, die Christen als Beutegut behandelte.
Fazit
Der islamische Sklavenhandel mit Europäern war kein exotischer Nebelstreifen der Geschichte, sondern ein über Jahrhunderte anhaltendes System organisierter Entrechtung. Von den Barbaresken an der nordafrikanischen Küste über die Tatarenzüge im Osten bis zum osmanischen Machtzentrum reichte ein Bogen politischer Gewalt, in dem Christen geraubt, verkauft, zwangsbekehrt und in fremde Ordnungen eingepresst wurden. Wer diese Tatsachen kleinredet, weil sie nicht in das modische Schuldbekenntnis Europas passen, betreibt keine historische Aufklärung, sondern Erinnerungspolitik nach ideologischem Drehbuch. Gerade wir Europäer sollten uns davor hüten, die eigene Vergangenheit nur in der Pose des ewigen Täters zu betrachten. Eine Kultur, die sich ihrer eigenen Opfer nicht mehr erinnern darf, verliert den Respekt vor sich selbst.
Und genau darum ist das Thema gegenwärtig. Nicht weil Geschichte sich mechanisch wiederholt, sondern weil Zivilisationen an denselben Illusionen zugrunde gehen können. Der politische Islam lebt von westlicher Müdigkeit, von historischer Amnesie und von der Unfähigkeit Europas, Feindschaft überhaupt noch als Feindschaft zu benennen. Wer die alten Sklavenmärkte von Algier, Kaffa und Istanbul nur als museale Kuriosität betrachtet, hat den Ernst der Lage nicht verstanden. Europas Aufgabe ist nicht, in hysterische Pauschalurteile zu verfallen. Europas Aufgabe ist nüchterner und schwerer, nämlich sich an die Realität von Macht, Unterwerfung und ideologischer Aggression zu erinnern – und daraus endlich wieder den Willen zur Selbstbehauptung zu gewinnen.
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Links & Quellen
https://en.wikipedia.org/wiki/Crimean%E2%80%93Nogai_slave_raids_in_Eastern_Europe
https://www.hnn.us/article/historian-claims-in-new-book-that-more-than-a-mill
https://www.britannica.com/topic/Barbary-pirate